Schwerpunktthema: Teamplayer oder des Orchesters General?

Als er einst Zeuge eines Dirigats von Richard Wagner wurde, äußerte er sich beeindruckt: »Hier können Sie sehen, was ein guter General mit seiner Armee imstande ist zu leisten.« Die Meinung von Kaiser ­Wilhelm I. herrscht auch heute bisweilen noch vor: Der Dirigent als allmächtiger Herrscher. Wie sieht das heute aus – und vor allem: Wie sehen das die Dirigenten selbst? Wir haben uns umgehört.

Ein Dirigent sagt, wo’s langgeht im Or­chester. Das belegt allein schon das dem Lateinischen entlehnte Wort. Lenken, bestimmen, steuern – weiß das Wörterbuch. Und damit ist die Bestimmung eines Dirigenten eigentlich schon klar. Was damit noch lange nicht klar ist, wie ein Dirigent seine Führungsrolle auslegt bzw. auslegen sollte, welche Aufgaben damit verbunden sind und welches Verhältnis zu den Musikern sinnvoll ist. Die Beziehung Dirigent –Orchester besaß immer schon Krisen­potenzial. Vor allem unter manch großem Maestro gehörten Animositäten, Spannungen, Katastrophen zum Alltag: Toscanini brüllte und warf Musikern Taktstöcke an den Kopf. Karajan überwarf sich am Ende völlig mit den Berliner Philharmonikern, Carlos Kleiber war die wandelnde Reiz­barkeit, ebenso der empfindliche Sergiu Celibidache. Daniel Barenboim oder Sir ­Simon Rattle hingegen stehen für harmonisches Orchesterleben. Und übrigens: Wer meint, als »Generalmusikdirektor« müsse er besonders scharf agieren und den Feldherrn geben, verkennt die ursprüngliche Bedeutung von »general«. »Generalis« heißt im Lateinischen nichts anderes als »allgemein«.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Der Dirigent":

  • 19.09.2012
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 10/2012
  • Seite 26-29

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