Schwerpunktthema: Stau und Stottern - Ideen und Gedanken zu einem Tabuthema

  • 20.01.2015
  • Schwerpunktthema
  • Karsten Süßmilch
  • Ausgabe: 2/2015
  • Seite 38-39

Viele Blechbläser kennen folgendes: man möchte beginnen zu spielen, kann aber nicht, weil die Zunge und noch mehr beim geplanten Tonbeginn wie auto­matisch verkrampft und so die Luft staut. Und wo ein Wille ist, ist in diesem Fall leider kein Weg, eher das Gegenteil.

Für Menschen, die so etwas nicht selbst erlebt haben, ist das sehr schwer nachzuvollziehen. Dieses Phänomen hat eine Art Geschwister bei langen Tönen, sie brechen weg, die Luft kommt irgendwie nicht bei den Lippen an, um sie in Schwingung zu halten, egal wie sehr man sich bemüht, gut zu atmen. Auch hier ist die Zunge verantwortlich, sie zieht sich Richtung Hals zurück und blockiert so den Luftstrom, wenn auch nicht komplett. In beiden Fällen kann das dazu führen, das der Ansatz immer mehr an Stabilität verliert und die Ver­unsicherung so groß wird, das jegliche Kontrolle über das Spiel verloren geht.

Angetrieben von eigenen, glücklicherweise inzwischen längst überwundenen Problemen dieser Art, habe ich vor vielen Jahren begonnen, mich mit diesem Thema ein­gehend zu beschäftigen. Und ich habe angefangen nachzufragen, nachzuhaken, genau zu beobachten und alles, was mir in diesem Zusammenhang relevant erschien, zu sammeln. Dabei musste ich zu meinem Erstaunen feststellen, wie viele Kollegen die Symp­tome mehr oder weniger stark kennen. Manche schaffen es, sie »wegzuüben«, andere haben Krisenzeiten, die sie überwinden können, ohne dass sie genau wissen wie, und erstaunlich viele klagen mehr oder weniger offen darüber, dass sie sich durch dieses Phänomen immer wieder stark beeinträchtigt fühlen. Sehr wenige sprechen von sich aus darüber, da Schwächen zu zeigen in unserem Metier problematisch, weshalb das Thema Luftstau/Stottern bei Blechbläsern ein Tabuthema ist.

Was mir auch auffällt, ist, dass dieses Phänomen bei Blechbläsern, unabhängig von ihrem methodischen Konzept, auftritt. Egal ob Ein- oder Ausatmer, Ansatzfetischisten, Chicagoer oder Leipziger Schule, Spieler, die sich voll auf die Intuition verlassen, welche, die jeden Muskel analysieren, oder wie auch immer. Es gibt viele in sich schlüssige Wege, Blechblasinstrumente zu erlernen und erfolgreich zu spielen. All die gängigen Methoden haben großartige Spieler hervorgebracht, aber eben auch solche, die an Blockaden wie dem Stauen zerbrochen sind. Manchmal auch beides nacheinander. Das muss also etwas sein, das unabhängig vom methodischen Weg zu Schwierigkeiten führt!

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Die Lunge - Das unverzichtbare Organ":

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