Schwerpunktthema: Nicht den Boden unter den Füßen verlieren! - Dr. Iris Eicher über Lampenfieber

  • 20.05.2015
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 6/2015
  • Seite 30-33

Lampenfieber ist nicht ungewöhnlich. Jeder Schauspieler, jeder Musiker weiß davon zu berichten. Die Sopranistin Maria Callas etwa soll sich vor jedem Auftritt übergeben haben. Sie war vor jedem Auftritt dermaßen nervös, dass sie meinte, nicht singen zu können, ihre Stimme sei völlig weg. Bisweilen wird die Aufregung so groß, dass den Musiker die Angst übermannt. Dann will er einfach nur weg…

Frau Dr. Eicher, sind Lampenfieber oder Auftrittsangst immer noch Tabuthemen?

Im Einzelgespräch neigt der Musiker schon dazu, über Lampenfieber und Auftrittsangst zu sprechen. Im Orchester, mit Kollegen, in der Konkurrenz der Musiker ist Auftrittsangst immer noch kein Gesprächsthema. Denn der Konkurrenz gegenüber darf der Musiker keine Schwäche zeigen. Der Künstler muss der Konkurrenz standhalten. Der Trompeter nebenan, der Flötist nebenan mag ein guter Freund sein – aber er ist auch der Konkurrent.

Besteht diese Problematik eher bei Profimusikern oder auch bei Amateurmusikern?

Je professioneller jemand musiziert, desto stärker ist die Konkurrenz. Ich habe mich mit einem Professor für Musik unterhalten, der von zwei sich völlig unterschiedlich verhaltenden Trompeterklassen erzählte. Die Trompeter im Jazz-Bereich agieren eher miteinander und konkurrieren weniger, während bei den Trompetern der klassischen Seite schon Kommilitonen zu Konkurrenten werden.

Lampenfieber kennt wohl jeder, ist per se ja auch kein Problem. Aber ab wann wird es zu einem?

Zum Problem wird es tatsächlich erst dann, wenn aus Lampenfieber die Auftrittsangst wird. Lampenfieber an sich ist durchaus etwas Positives, die positive Erregtheit für den Auftritt, eine positive Stimulanz. Künstler können dadurch Ressourcen mobilisieren, um das Publikum zu begeistern. Zu entspannt darf man da nicht sein. Man braucht eine gewisse Erregtheit, um diese Ressourcen abzurufen. Auftrittsangst dagegen ist das eigentliche Problem, sie lähmt den Musiker für den Auftritt und schränkt ihn mental und körperlich ein.

Wo verläuft die Grenze zwischen positiver Stimulanz und negativer Angst?

Die Grenze verläuft fließend. Als Musiker merke ich sehr deutlich, wenn ich dem Auftritt entgegenfiebere. Das bringt mich voran, das suche ich, das gehört zum Erfolg dazu. Lampenfieber verliert sich in der Regel sehr schnell, sobald ich in meinem Element bin. Jeder Musiker kann diese positive Erregtheit sehr unterschiedlich spüren, sie hilft Hochleistungen zu erbringen. Lampenfieber kann sich in erregter Atmung, muskulärer Anspannung oder Schwitzen zeigen. Es vergeht aber sehr schnell, sobald der Künstler auf der Bühne agiert. Erst wenn Lampenfieber zur Auftrittsangst wird, entsteht ein Problem. Denn Angst bremst den Künstler in seiner Kraft, es lähmt ihn physisch und psychisch. Angst drängt mich zur Flucht.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Nervenaufreibend – Musik zwischen Genuss und Schaden":

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