Schwerpunktthema: Nervennahrung Musik - Hören findet im Gehirn statt

  • 20.05.2015
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 6/2015
  • Seite 36-37

Wir sagen: Diese Musik trifft bei mir einen Nerv. Aber auch: Diese Musik geht mir auf die Nerven. Oder: Diese Musik macht mich ganz nervös. Wir können Musik als nervtötend empfinden oder als nervenberuhigend. So viel ist jedenfalls richtig: Musik ist immer Nervensache.

Gut, wir hören mit den Ohren. Aber was heißt denn »Hören«? Das Ohr ist der Rezeptor für Schallwellen – winzige Schwankungen des Luftdrucks. Die äußeren Gehörgänge dienen diesen schwachen Reizen als eine Art Resonanzrohr, verstärken sie und leiten sie bis zur mit Flüssigkeit gefüllten Cochlea (»Hörschnecke«). Was dort dann geschieht – innerhalb von Mikrosekunden –, ähnelt der schallwandelnden Funktionsweise eines Mikrofons: Ein physikalischer Reiz – ausgelöst von der Schallwelle – wird in einen elektrischen Impuls übersetzt. Man nennt dies eine »mechanoelektrische Signaltransduktion«. Sie findet in den Hörzellen des Corti-Organs statt, das auf der Basilarmembran der Cochlea aufliegt. Jedes »Härchen« dieser Hörzellen reagiert dabei auf eine bestimmte Frequenz. Verbiegt sich ein Härchen, kommt Fluss in den angrenzenden Ionenkanal, die Verteilung der Ionen dort wird ungleich, es entstehen Spannungen, ein elektrischer Impuls wird ausgelöst und macht sich auf den Weg durch den Hörnerv in Richtung Gehirn. Und damit ist der Schall, den wir empfangen, zur reinen Nervensache geworden.

Nerven – das sind Zellkerne mit langen Fasern. Diese Fasern sind mit den Fasern der angrenzenden Zellkerne verbunden, die Verbindungsstellen nennt man Synapsen. Auf diese Weise ergänzen sich die Nerven zu Bahnen, Kanälen, Strängen oder Bündeln. Genauer gesagt: zu einem neuronalen Netzwerk mit weit verzweigten Kontakten in alle Richtungen. Rund 100 Milliarden Nervenzellen oder Neuronen gibt es in unserem Gehirn. An der Cochlea sind es erst ein paar Tausend. Folgt man der »Hörbahn« aber weiter, werden es immer mehr.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Nervenaufreibend – Musik zwischen Genuss und Schaden":

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