Schwerpunktthema: Musikkritiker - ein Beruf? Gedanken eines Betroffenen

  • 18.05.2016
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 6/2016
  • Seite 42-43

Die Frage heißt: Wie wird man eigentlich Musikkritiker? Realistische Antworten könnten lauten:

a) per Zufall,

b) auf Umwegen,

c) wider Willen,

d) keine Ahnung.

Der Werdegang zum Musikkritiker kennt kein Patentrezept.

Kein vorgefertigter Ausbildungsweg

Für den Beruf des Musikkritikers gibt es weder einen Ausbildungsweg noch klare Qualifikationen. Eine plausible Berufsvorbereitung wäre wohl eine Verbindung aus journalistischer und musikalischer Ausbildung, zum Beispiel ein Studium der Publizistik und Musikwissenschaft.

Aber mal im Ernst: Welche junge Person von 18 oder 20 Jahren hat den Lebenstraum, Musikkritiker oder Musikkritikerin zu werden? Wer wählt in diesem Alter eine Fächerkombination mit dem Berufsziel Musikkritik? Viel wahrscheinlicher ist es, dass eine ausgebildete junge Journalistin eines Tages realisiert: Lokalpolitik langweilt mich auf Dauer, ­Musik zum Beispiel wäre doch viel spannender. Oder dass ein studierter junger Musiker eines Tages einsieht: Ich werde es in der Praxis nie weit bringen, aber ich bin eigentlich doch auch gut mit Worten. Man sucht sich den Beruf des Musikkritikers letztlich nicht aus – man wird von ihm erwählt. Und dann muss man bereit sein.

Dabei üben sich spätere Musikkritiker oft schon sehr früh in dieser Tätigkeit – für die Schülerzeitung etwa oder im städtischen Werbeblatt. Nur: Es gibt Tausende, die für solche Publikationen kleine Musiktipps schreiben, aber die wenigsten von ihnen werden am Ende musikkritische Profis – und von diesen wiederum hat es kaum einer jemals geplant.

Ehe man Musikkritiker wird, sind vielmehr oft schon einige andere Träume zerplatzt. Da gibt es den Ingenieur, dem seine Arbeit eines Tages nicht mehr gefällt – und der dann einfach sein Hobby zum Beruf macht. Da gibt es die Geschichtslehrerin, die im Referendariat feststellt, dass sie mit Kindern gar nicht zurechtkommt – und die sich dann spontan in der Kulturredaktion einer Zeitung bewirbt. Da gibt es den Verlagsmitarbeiter, der seinen Job verliert – dem aber eine freie Mitarbeit in einer anderen Abteilung angeboten wird. Es gibt viele verschlungene Wege zur wahren Berufung.

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