Schwerpunktthema: »Musik lässt sich nicht digitalisieren« (Theinerts Thema)

Wunder der Technik lassen es zu, dass man auch »über den großen Teich« hinweg ohne Probleme kommunizieren kann. Dass aber die digitale Revolution nur Segen wäre, behauptet wohl fast niemand. Markus Theinert sitzt im US-amerikanischen Elkhart, als er die Musik für undigitalisierbar erklärt.

Herr Theinert, zunächst einmal ganz allgemein gefragt: Die digitale Revolution – Wohl oder Übel?

Von der allgemeinen Arbeitswelt her betrachtet ist die Digitalisierung in vielen Fällen eine Erleichterung. Das gilt für tägliche Arbeitsabläufe, Rechenaufgaben und natürlich insbesondere für die Wissenschaft. Jede Form von Datenerfassung und -verarbeitung ist mit ihr sehr vereinfacht worden.

Wenn die Digitalisierung allerdings mit Musik in Zusammenhang gebracht wird, habe ich da ein großes Fragezeichen zu setzen, denn Musik lässt sich nicht digitalisieren. Revolutionäres ist hier lediglich in der elektronischen Verstärkung und in der elektronischen Erzeugung bzw. Aufzeichnung von Klängen passiert. Dabei sprechen wir aber ganz deutlich von Klang – nicht von Musik.

Der Klang selbst hat zunächst durch elektromechanische, später durch elektronische Halbleiter-Oszillatoren und elektronische Umwandlung von analogen Signalen in digitale eine radikale Veränderung erfahren. Und wenn sich der Klang verändert, verändert sich natürlich auch alles, was mit dem Klang gemacht wird. Das heißt: Durch die sogenannte digitale Revolution wurde die Verwechslung zwischen Klang und Musik in der allgemeinen Wahrnehmung festbetoniert.

Die Menschen glauben, dass Klang und Musik dasselbe seien. Diese Verwechslung hat zwar immer schon stattgefunden, aber in der digitalen Welt ist sie gar nicht mehr wegzudenken. Darin sehe ich schon eine Gefahr für junge Generationen, die im digitalen Zeitalter aufwachsen und die authentische Form des Musizierens, also den menschlichen Akt, die Arbeit mit dem Klang als dem Resultat einer schwingenden Masse, einer physikalischen Gesetzmäßigkeit, gar nicht mehr kennenlernen.

Also das Musizieren als die vielleicht »analogste« Tätigkeit, die es geben kann?

Zunächst einmal ist Musizieren kontinuierliches Erleben. Die Musik entsteht in uns, indem wir die zwingenden Zusammenhänge zwischen den Klängen in der Gleichzeitigkeit erfahren. Das bedeutet nichts anderes, als dass sich das menschliche Bewusstsein in der Kontinuität des Klangs weiterbewegt und damit in der strukturellen Einheit der Komposition vollkommen aufgeht, sodass wir die Gleichzeitigkeit zwischen Anfang und Ende erleben können.

Wenn nun durch digitalisierte Aufnahmen dieser Zusammenhang zerstückelt wird – denn das Wort bedeutet ja nichts anderes, als die einzelnen Elemente des Klangs in binäre Zahlen, also digitale Daten umzuwandeln –, entsteht Diskontinuität. Egal, wie fein ich dieses Raster weiterentwickle: Unser Gehör und unser Bewusstsein werden immer wesentlich sensibler und kontinuierlicher reagieren als es die feinste digitalisierte Aufspaltung des Klangs erlaubt. Im Grunde genommen macht der Klang eben Sprünge. In der gestalteten Aufführung mit dem lebendigen Klang ist das jedoch nicht der Fall.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Chance und Risiko - Musik im digitalen Zeitalter":

  • 18.02.2016
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 3/2016
  • Seite 29-31

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