Schwerpunktthema: Musik ist nicht vermittelbar (Theinerts Thema)

Wenn gleich mit der ersten Antwort das aus Fragen bestehende Kartenhaus in sich zusammenfällt, könnte ein Interview zäh werden. Nicht mit Markus Theinert. Musikvermittlung? Gibt’s nicht. Drüber reden kann man trotzdem.

Herr Theinert, ist eigentlich prinzipiell jedes Konzert auch ein Stück weit Musikvermittlung?

Musik lässt sich überhaupt nicht vermitteln. Die Wirkung der Musik auf den menschlichen Geist ist unvermittelt und direkt. Eine Funktion, die zwischen zwei Erscheinungen vermitteln muss, gibt es in der Musik nicht. Wenn wir von Musikvermittlung sprechen, bezieht sich das entweder auf den Bereich der Musikerziehung oder auf die Überlegungen, wie man die Leute zum Konzertbesuch bewegen kann.

Nicht einmal das Konzert selbst ist als Vermittlung musikalischer Inhalte durch den Solisten, das Orchester oder seinen Dirigenten zu begreifen, sondern als ständig erneuerter Versuch, das Werk, dessen Strukturen vom Komponisten erschaffen wurden, durch die Aus- bzw. Aufführung zum Leben zu erwecken.

Ich unterscheide sehr genau zwischen dem, was vermittelbar ist und was nicht – in einem Streit kann man zwischen zwei Parteien vermitteln, in der Musik haben wir diese Polarität nicht, denn sie entsteht überhaupt erst dann, wenn aus dem Klang und meinem Bewusstsein eine Eins geworden ist. Wenn irgendetwas zwischen dem, was wir Musik nennen, und dem menschlichen Bewusstsein steht, dann gibt es keine Verbindung.

Die Frage ist natürlich: Was ist Musikvermittlung dann, wenn die Musik selbst keiner solchen Vermittlung bedarf? Das Wort hat in sich diesen Widerspruch. Sie können natürlich Klänge vermitteln oder dafür sorgen, dass Klänge auch beim Publikum ankommen. Doch darum geht es ja hier nicht. Sondern: Was fangen wir in der heutigen kulturarmen Zeit noch mit Musik an, und ist es möglich, den Menschen die Musik wieder nahezubringen?

Ist es dann per se notwendig, Musik zu erklären? Muss die nicht ohnehin für sich selbst stehen?

Das wird sie mit oder ohne Erklärung tun. Das heißt, ob wir erklären, beschreiben, helfen – wir werden sehr bald herausfinden, dass sich über Musik selbst gar nichts sagen lässt. Wir können die Inspiration des Komponisten erklären, wir können über die Instrumentation sprechen oder über Strukturen im Werk selbst reden – alles, was das Studium der Partitur und seiner Entstehungsgeschichte hervorgebracht hat.

Aber das, was die Musik selbst angeht, das Erlebbare, das lässt sich weder beschreiben noch erklären. Warum eine gewisse Fortschreitung in der Harmonie oder eine Melodie auf das menschliche Bewusstsein in einzigartiger Weise wirkt, entzieht sich unserem intellektuellen Verständnis. Hier hat die Sprache enge Grenzen. Selbst wenn ich es wollte, würde es mir nicht gelingen, über die Musik etwas auszusagen.

Aber ich kann natürlich über die außermusikalische Inspiration sprechen, die den Komponisten bewegt hat. Oder über die historischen Zusammenhänge, den strukturellen Aufbau einer Komposition und so weiter. Musik selbst ist als solche nicht beschreibbar und deshalb auch nicht vermittelbar. Ich gehe aber davon aus, dass wir mit der Frage viel mehr darauf abzielen wollen, ob die Menschen von sich aus zur Musik gelangen oder ob sie da eine Hilfe brauchen.

Das wäre in der Tat die Frage: Ich vermittle also keine Musik, sondern helfe Menschen, zur Musik zu finden?

Man kann das nur tun, indem man den Menschen hilft, zu sich selbst zu finden. Der Klang an sich ist für die meisten von uns attraktiv. Wir finden uns im Klang wieder und fühlen uns in seiner Stabilität und Ausgewogenheit wohl. Aber diese Attraktion ist ja eben nicht das, was Musik ausmacht. Attraktiv ist alles, das uns anzieht.

  • 18.11.2015
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 12/2015
  • Seite 31-33

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