Schwerpunktthema: Möglichkeiten und Grenzen der Erweiterung des Blasorchesters (Theinerts Thema)

  • 17.06.2015
  • Schwerpunktthema
  • Martin Hommer
  • Ausgabe: 7-8/2015
  • Seite 32-34

Die Erweiterung des Blasorchesters obliegt dem Dirigenten, denn er plant und leitet das Orchester. wo aber liegen Möglichkeiten und Grenzen der Erweiterung? Abgesehen von den natürlichen Grenzen der Konzertbühne, natürlich, die eine grenzenlose Erweiterung sicher nicht erlauben würde.

Herr Theinert, um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Wo sehen Sie Möglichkeiten, ein Blasorchester zu erweitern?

Zunächst ist es entscheidend, ob ein Orchester in sich und in allen Registern bereits ausgewogen besetzt ist, bevor man an eine Erweiterung denkt. Ist dies nicht der Fall, kommt eine instrumentale oder vo­kale Ergänzung unter Umständen gar nicht zum Tragen und wird im Gesamtklang nicht adäquat hörbar.

Aber allein in Europa existiert eine Vielzahl von Erweiterungen, die während der vergangenen 100 Jahre in den nationalen Traditionen herangewachsen ist. Ich denke da beispielsweise an die spanische Besetzung, die im Tenor- und Bassbereich mit Streichern arbeitet. Dieses ­Register im Blasorchester konnte früher nur unzureichend mit Blasinstrumenten besetzt werden.

Da bot sich mit den sehr weichen und vor allen Dingen von der Bogenführung her sehr vielfältigen Streich­instrumenten eine geradezu ideale Möglichkeit. Cello und Kontrabass gehören in Spanien auch heute noch zur regulären Blasorchesterbesetzung dazu. Aber es gibt natürlich noch zahlreiche andere Möglichkeiten.

Ein Trend, der heute schon in fast allen sinfonischen Blasorchestern sichtbar wird, ist die Vergrößerung des Perkussionsensembles, also eine Erweiterung, die über das normale Konzertschlagzeug hinausgeht, das lediglich aus kleiner und großer Trommel, den Becken sowie Pauken und den fast schon »klassischen« Ergänzungen wie Glockenspiel, Triangel, Wood Blocks, Kastagnetten und vielleicht noch Bongos und Tomtoms besteht.

Hier kommt noch einiges an Melodie-Instrumentarium dazu: Marimbafon, Xylofon, Vibrafon und Röhrenglocken. Dem Erfindungsreichtum der Komponisten oder auch der Schlagzeuger selbst sind hier kaum Grenzen gesetzt. Die jüngere Vergangenheit hat zudem gezeigt, dass man auch an neuem »Geräuschinstrumentarium« unglaublich viel bereitstellen kann, und das wird heutzutage dankbar angenommen.

Aber auch in den einzelnen Instrumentenfamilien passiert sehr viel: Die Flöten etwa wurden schon außer der Piccolo auch durch Alt- und Tenorflöte erweitert. Die Klarinetten sind eigentlich in allen groß besetzten sinfonischen Blasorchestern bis zur Kontrabassklarinette durchgehend besetzt.

Vom Saxofonsatz, der vom Sopran- bis zum Bari­ton- oder gar bis zum Basssaxofon reicht, kennen wir das ja bereits. Aber auch hier sind die Extremlagen, die in der Standardbesetzung nicht vorgesehen sind, nur dann empfehlenswert, wenn der Kernsatz in sich schon ausgewogen ist. Ich kann – um bei diesem Beispiel zu bleiben – mit einem Basssaxofon wenig anfangen, wenn ich mit fünf Tenören spiele und nur ein Altsaxofon habe.

Oder umgekehrt: Wenn ich sechs Altsaxofone habe, zwei Baritonsaxofone, aber keine Tenöre, und dann noch ein Basssaxofon dazukommt – da ist insgesamt keine Balance mehr zu erreichen. Die Erweiterung des Instrumentensatzes nach oben und unten trägt nur dann zu einem volleren Orchesterklang bei, wenn der Satz in sich geschlossen ist.

Eine weitere Möglichkeit besteht in der Erweiterung des Orchesters durch Solisten – auch Ensembles können solistisch mit einem Orchester auftreten. Wo ­sehen Sie hier Möglichkeiten oder Grenzen?

Grenzen wären im Falle von solistisch auftretenden Ensembles genauso wie beim Solisten die fehlende Abgrenzung oder klangliche Selbstständigkeit gegenüber dem Orchester. Jedes Instrument oder jedes Ensemble, das sich klanglich nur wenig vom Orchester absetzt, wird im Gesamtklang untergehen und kann dann kaum solistisch hervortreten.

Aber auch hier hat die Vergangenheit gezeigt, dass außergewöhnliche Soloinstrumente durchaus ihren Platz im Blasorchester finden können, wie zum Beispiel das Cello. Mit Ensembles wie Quartetten oder Quintetten ist das umso leichter, weil sie ohnehin von ihrem Klang her ein ganz anderes Spektrum zur Ver­fügung haben.

Es gibt inzwischen einiges an Literatur für solistische Ensembles und Blasorchester. Grenzen muss der Komponist oder Arrangeur von vornherein vermeiden, indem er intelligent instrumentiert und darauf achtet, dass die Soloinstrumente nicht vom Tutti zugedeckt werden. Aber in Bezug auf Klangfarben und technische Möglichkeiten sehe ich wenig Grenzen.

Ich glaube, die Vision des Komponisten ist hier von ganz entscheidender Bedeutung. Wenn er das entsprechende Vorstellungsvermögen besitzt und sich in die neuen Klangmöglichkeiten hineinversetzen kann, dann schafft er es auch, die Instrumentation der Begleitung so zu gestalten, dass die Solisten durchkommen. Hat er eine solche Vi­sion nicht, wird es auch nicht funktionieren.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Blasmusik Plus - Was kann/darf/soll ein Blasorchester?"

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