Schwerpunktthema: "Mami, kommen da heute viele zuhören?" - Auftrittsangst bei Kindern

  • 20.05.2015
  • Schwerpunktthema
  • Stefan Dünser
  • Ausgabe: 6/2015
  • Seite 34-35

Kinder leben normalerweise noch in einer Welt, in der es nur »Jetzt« gibt. Sie sind noch im Wissen, mit allem verbunden zu sein, Abtrennung und Bewertung sind noch nicht bestimmend. Jeder Auftritt mit dem Instrument ist ein Familienevent, das immer in großer Begeisterung mündet. Wenn dann plötzlich mit Beginn des zweiten Lebensjahrzehnts Fragen wie »Mami, kommen da viele zuhören?« auftauchen, sind wir gefordert. Wie können wir Kinder gut vorbereitet in diesen neuen Lebensabschnitt schicken?

Die aufsteigende Auftritts-Nervosität mit etwa zehn bis elf Jahren lässt sich nicht oder nur schwer verhindern. Das hat zwei Gründe. Erstens ist in dieser Lebensphase unser Gehirn in einer entscheidenden Umbauphase (die beginnende Pubertät), in der sich das Kind erst neu zurechtfinden muss. Der zweite Grund ist seelischer Natur und wesentlich komplexer. Die Kinder beginnen sich, zunehmend als individuelle Wesen wahrzunehmen. Sie fühlen sich aus der Geborgenheit einer primär begeisterten Umgebung gerissen. Früher fanden alle ihre Leistungen »einfach super« und plötzlich werden sie vermehrt »verglichen und eingeschätzt«.

Neben einer immer stärker werdenden Selbstbewertung wird auch die Bewertung von außen immer intensiver. Wenn dies zu früh passiert, muss man sich nicht wundern, wenn die heranwachsenden jungen Musiker den Spaß verlieren. Wir müssen unser Hauptaugenmerk immer auf das Musizieren und nicht auf handwerkliche Probleme richten. Schließlich wäre ja in der Musik das »Machen« wichtiger als das »Zeigen«, das »Miteinander« wichtiger als das »Vergleichen« oder gar »Gegeneinander« – wie im Sport.

Die gute Nachricht: Diese daraus resultierende Bühnen-Nervosität ist gar nicht so schlimm, wir haben genügend Werkzeuge, um gegen Ängste anzugehen und den jungen Musikern zu helfen. Die angesprochene Umbauphase unseres Oberstübchens ist auch eine Riesen-Chance. Es ist genau die Zeit, echten Mut und tiefe Lebensfreude zu entwickeln – Wesenszüge, die dann vielleicht unser ganzes Leben lang Wegbegleiter sind.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Nervenaufreibend – Musik zwischen Genuss und Schaden":

« zurück