Schwerpunktthema: Lampenfieber - Krankheit oder leistungsförderndes Stimulans?

Lampenfieber, auch Versagensangst, Erwartungsdruck oder Erwartungsangst genannt, belastet jeden Musiker vor Bewährungssituationen mehr oder weniger stark. Noch immer allerdings sprechen die Betroffenen nicht gern mit Fachkollegen über ihren Druck vor Konzerten oder heiklen Proben und über ihre Befindlichkeit während der Vorbereitung auf bestimmte, besonders anspruchsvolle Werke. Ebenso wenig werden individuelle Übetechniken oder mentale Trainingstechniken zur Vorbeugung oder Überwindung von Lampenfieber im Kollegenkreis diskutiert, da man befürchten muss, dass zur permanenten kritischen Bewertung der musikalischen Leistung durch Publikum, Fachkollegen und Dirigenten noch die Meinung hinzukommt, man sei »nervlich nicht stabil« genug, seine musikalischen Aufgaben zu erfüllen.

Insbesondere Orchestermusiker stehen wäh­rend der Ausübung ihrer Tätigkeit im Spannungsfeld eigener musikalischer Überzeugungen, der notwendigen Klang- und Interpretationsangleichung an die übrigen Musiker und der künstlerischen Forderungen durch den Dirigenten. Zusätzlich zum individuellen Bemühen um optimale instrumentale Leistungen auf der Grundlage eigener musikalischer Vorstellungen werden Instrumentalisten oft mit künstlerischen Forderungen konfrontiert, die häufig nicht mit den eigenen Inter­pretationsabsichten korrelieren und auf die sie trotzdem sofort umsetzend und gestaltend reagieren müssen. Orchestermusiker stehen unter permanenter kritischer Beobachtung und Kontrolle der Mitarbeiter und Vorgesetzten. Sie haben also keinerlei Möglichkeit des »trial and error« und auch das Recht auf Falsifikation, das zum Beispiel jedem Wissenschaftler in seiner kreativen Arbeit zugestanden wird, bleibt dem Musiker während der beruflichen Tätigkeit arbeitsrechtlich und praktisch vorenthalten.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Die Angst":

  • 19.11.2012
  • Schwerpunktthema
  • Stefan Fritzen
  • Ausgabe: 12/2012
  • Seite 24-27

« zurück