Schwerpunktthema: Kopf oder Bauch? - Konzertdramaturgie in Blasorchestern

  • 22.05.2012
  • Schwerpunktthema
  • Stefan Fritzen
  • Ausgabe: 6/2012
  • Seite 26-29

Schaut man sich die landläufigen Konzertprogramme insbesondere kleinerer oder mittlerer Blasorchester an, so stellt man fest, dass die Inten­tionen der Konzertplaner häufig darauf zielen, möglichst niemandem weh zu tun: freund­liche und austauschbar klingende Gute-Laune-Stücke halten die Musiker bei der Stange und erheitern das Publikum. Alle Musiker sollten möglichst ­immer blasen, damit sie in der nächsten Probe ­wiederkommen und der 1. Trompeter, oft der Star der Truppe, kann mit einigen schönen, aus Funk und Fernsehen bekannten Soli brillieren. Man setzt auf die Werke, die in befreundeten Kapellen bei Konzerten »gut angekommen« sind, und so spielen alle Orchester mehr oder weniger das Gleiche. 

Geht es auch anders? Ja! Will man es anders? Ich weiß es nicht – ich weiß jedoch, dass auch ein mittleres Orchester oft die Möglich­keiten, die es in Stimmenanzahl, klanglichen Gegebenheiten und kompositorischer Auswahl hätte, nicht wirklich nutzt. Ich erinnere mich an eine Wertungsrichtertagung in Süddeutschland, auf der Jochen Wehner einen hochinteressanten Vortrag über Bläserliteratur hielt und auch darüber sprach, wie man anspruchsvollere Werke für sein Orchester bearbeiten könnte. Er stieß auf heftige Kritik vor allem einiger Kreisjugenddirigenten, die meinten, man müsse die »jungen Musiker dort abholen, wo sie geistig stehen und es soll ja schließlich Spaß machen und da darf man nicht zu viel verlangen«. Die Gedanken von Herrn Wehner seien für die Blasorchesterpraxis weitgehend irrelevant, weil die Musiker so komplizierte Dinge gar nicht wollten. In der Diskussion tauchte ein Grundproblem auf, das nicht lösbar schien: die Trennung von U- und E-Musik. Nun meine ich, dass beide Gattungen sich durchaus miteinander vertragen können, wenn die Verantwortlichen von der Überzeugung aus­gehen, dass jede Musik stets auch unterhalten sollte und man als Lehrer oder Dirigent nie den bildenden Charakter eines jeden Musik­stils vergessen sollte. 

Gute Konzertdramaturgie versucht demzufolge zusammenwachsen zu lassen, was zusammengehört. Dies erfordert vom Dirigenten eine immense Literaturkenntnis, Experimentierfreude und eine gewisse charismatische Ausstrahlung auf Musiker und Publikum. 

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas:

  • Konzertdramaturgie - Wie lockt, wie fängt, wie bindet man ein Publikum? (von Klaus Härtel)
  • Kopf oder Bauch? - Konzertdramaturgie in Blasorchestern (von Stefan Fritzen)
  • Weltreisen und Aha-Effekte - Über klassische Konzertprogramme (von Hans-Jürgen Schaal)
  • Gut gesessen ist halb gewonnen (von Christine Engel)
  • Das Jazzkonzert - Anmerkungen aus der Praxis (von Hans-Jürgen Schaal)

« zurück