Schwerpunktthema: Ich mach das mit Links! Musizieren und Händigkeit

Paul McCartney ist Linkshänder. Er war trotzdem Bassist der Beatles. Sein Bandkollege am Schlagzeug? Genau. Ringo Starr ist Linkshänder. Linkshändigkeit hält also nicht davon ab, erfolgreich Musik zu machen? Bob Dylan und Sting sind Linkshänder, Jimi Hendrix und Niccolo ­Paganini waren es auch. Chuck Mangione und Wynton Marsalis ebenso. Probleme Gibt es nicht. Oder doch? Wir haben uns einmal umgehört.

Paul McCartney merkte in seiner frühen Jugend, dass »irgendetwas nicht stimmte«, wenn er mit rechts die Saiten anschlug. Es gibt Fotos, auf denen zu erkennen ist, dass er die Gitarre einfach umdrehte – das Schlagbrett ist nämlich auf der falschen Seite, also oben. Später ließ er sich von der Firma Höfner den E-Bass 500/1 auf »links drehen«.

Sind also speziell für Linskhänder angefertigte Instrumente die Lösung des Problems? Reinhard Kopiez, Professor für Musikpsychologie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, gibt in diesem Zusammenhang Folgendes zu bedenken: Linkshänder-Instrumente haben durchaus ihre Berechtigung, man müsse sich jedoch im Klaren sein, dass man sich dadurch auch gewisse Türen verschließt – beispielsweise wenn man die Musik zum Beruf machen will.

Linkshänder im Orchester

In einer wissenschaftlichen Untersuchung hat Kopiez erstmals Daten erhoben, wie hoch der prozentuale Anteil von Rechtshändern und von Nicht-Rechtshändern bei Musikstudenten und professionellen Musikern ist. Dafür wurden über 120 Pianisten und Streicher untersucht. Wie stellt man aber letztendlich fest, wer denn nun eigentlich zu welcher Gruppe gehört? Einbezogen wurden dabei die Selbstauskünfte, also wie die Leute sich selbst einschätzen, das harte Maß aber war eine leistungsbezogene zeitkritische Aufgabe, nämlich das Geschwindigkeitsklopfen, auch »speed tapping« genannt.

Am Ende der Untersuchung stellte sich dann heraus, dass fast 40 Prozent bei den Streichern Nicht-Rechtshänder sind. »Das ist ungefähr viermal so viel wie in der bisherigen Literatur auf Grundlage von Selbstauskünften berichtet wird. Das ist wirklich erstaunlich, viele wissen nämlich gar nicht, was ihre wahre Händigkeit ist.«

Sind Linkshänder benachteiligt?

Die Frage, ob Linkshänder, die auf Rechtshänder-Instrumenten spielen, benachteiligt sind, verneint Kopiez. »Alle Nicht-Rechtshänder, die an der Untersuchung beteiligt waren, spielen in Rechtshänderposition. Alle. Und sie gewinnen inter­nationale Wettbewerbe. Das würden sie nicht tun, wenn dieser sogenannte Nachteil bisher einen Selektionseffekt gehabt hätte. Dann wären alle schon vorher rausgeflogen.«

Zur Untersuchung gehörte auch eine Befragung nach subjektiv empfundenen Einschränkungen im Bereich Ausdruck, Bewegungsgeschicklichkeit und Erkrankung des Spielapparats, also ob man Schmerzen beim Spielen hat. »In keinem dieser Bereiche empfinden die befragten rechtsstreichenden Linkshändergeiger irgendwelche Nachteile.« Dennoch bestreitet Kopiez nicht, dass es Menschen gibt, die das anders empfinden.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Handlungsbedarf? Wie 27 Knochen Musik machen":

  • 18.12.2015
  • Schwerpunktthema
  • Cornelia Härtl und Klaus Härtel
  • Ausgabe: 1/2016
  • Seite 32-35

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