Schwerpunktthema: Handlungsbedarf - Wichtig, aber oft unterschätzt: Die Hand

  • 18.12.2015
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 1/2016
  • Seite 36-38

Gewissermaßen ein »Aufklärungsbuch« hat Christoph Wagner geschrieben. Denn dass Musik in erster Linie Kopfarbeit ist, meint jeder zu wissen. Doch dass die Hand dabei mehr ist als bloßes Ausführungsorgan, wird oft unterschätzt.

CLARINO: Ihr Buch »Hand und Instrument« beginnt mit dem Zitat: »Wir spielen nicht mit der Hand, wir spielen mit dem Kopf.« Provokation?

Christoph Wagner: Ich habe es absichtlich dorthin gesetzt, weil viele so denken – und natürlich stimmt es, und zugleich auch nicht. Das Zitat stammt von einem renommierten deutschen Pianisten, der das spontan sagte, als ich ihn einlud, an den Untersuchungen über Musikerhände teilzunehmen.

Nun muss man wissen, dass lange Zeit vorher sehr mechanistisch über die Hand des Musikers gedacht worden ist. Man hat geglaubt, die Virtuosität kann man gewissermaßen mechanisch erzeugen, durch mechanisches Üben und notfalls auch durch mechanische Veränderungen der Hand. Es wurden furchtbare Geräte erdacht und entsetzlicher Schaden angerichtet. Später hat man sich von jeder Betrachtung der Hand verabschiedet und hat gesagt: Nicht die Hand ist es, sondern der Geist.

Das hat die Ära der psychologischen Betrachtungen eingeläutet, bis man merkte, anscheinend geht auch diese Rechnung nicht ganz auf, denn man spielt weder mit der Hand noch mit dem Kopf allein. Man spielt nur mit beidem. Das Gehirn ist selbstverständlich das primäre Organ, in dem die Ideen entstehen, Musik wahrgenommen wird, Musik geplant wird. Aber das Gehirn ist angewiesen auf das Werkzeug. Und das Werkzeug ist immer noch die Hand. Und zwar auch ein wahrnehmendes Werkzeug. Das heißt, alles das, was die Hand fühlt, an Berührungen, an Temperatur, an Bewegung, an Beschleunigung, wird wiederum an das Gehirn zurückgemeldet.

Inwiefern spielt der Tastsinn beim Musizieren eine Rolle?

Der spielt eine entscheidende Rolle, allerdings immer in der Zusammenarbeit mit der auditiven und visuellen Wahrnehmung. Man kann den Tastsinn jedoch nur schwer objektivieren.

Bei Pianisten oder Gitarristen ist es offensichtlich, dass die Hand eine sehr wichtige Rolle spielt. Wie wichtig ist die Hand beim Bläser?

Ich würde sie in die zweite Reihe stellen. Es ist ganz klar, dass für jeden Bläser Atmung, Ansatz und alles, was damit zusammenhängt, an erster Stelle steht. Aber vor allem bei den Holzblasinstrumenten werden die Finger benötigt. Und zwar auf eine beträchtlich komplizierte Weise. Sie bleiben zwar fast an Ort und Stelle – also im Gegensatz zum Klavier oder zum Streichinstrument –, aber dort müssen sie zum Teil auf einfache, zum Teil auf außerordentlich komplizierte Weise die Klappen oder die Löcher zudecken.

Es muss eine sehr präzise Beherrschung der Finger in ihren Beuge- und Streckmöglichkeiten gegeben sein. Jeder Ton wird sofort unsauber bei einem Wechsel, wenn drei Finger gehoben und drei Finger gedrückt werden. Wenn das nicht gleichzeitig passiert, dann klappert es. Wie leicht das einem Bläser fällt, ist abhängig davon, wie weit seine Hand den vorgegebenen physikalischen Abmessungen gerecht wird.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Handlungsbedarf? Wie 27 Knochen Musik machen":

Christoph Wagner

Prof. Dr. med. Christoph Wagner (1931 bis 2013) leitete von 1974 bis 1993 das Institut für Musikphysiologie der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Mit der Gründung dieses Instituts gelang ihm die erstmalige Verankerung musikphysiologischer Forschung und Lehre in einer europäischen Musikhochschule. Die von ihm mitbegründete Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin ernannte ihn 2001 zum Ehrenmitglied. In seinem Nachruf heißt es: »Wäre die deutsche Musikphysiologie ohne Christoph Wagner denkbar? Wohl kaum, denn vor seinem musikphysiologischen Wirken findet man in Deutschland, ja in Europa nur rudimentäre Ansätze einer Beschäftigung mit den physiologischen und medizinischen Berührungspunkten in der Ausbildung und Berufstätigkeit von Musikerinnen und Musikern.«

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