Schwerpunktthema: Die Vergleichbarkeit (Theinerts Thema)

  • 20.08.2015
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 9/2015
  • Seite 39-41

Über Sinn und Zweck von Wettbewerben wird schon so lange diskutiert, wie es diese gibt. Denn die Messbarkeit ist ja so eine Sache... Wie misst man musikalische Qualität bzw. wie entscheidet man, wer gewinnt? Übrigens: Musikalische Wettbewerbe waren auch schon mal olympisch.

Herr Theinert, können Sie sich noch an Ihren letzten Wettbewerb als Instrumentalist erinnern?

Ja, daran kann ich mich ganz genau erinnern. Das war im Jahre 1984 in Markneukirchen. Der internationale Instrumentalwettbewerb dort war für Bläser – in dem Fall für die Tubisten –, einer der ganz wenigen großen Wettbewerbe überhaupt. Wir haben damals als Studenten das Abenteuer, in die DDR einreisen zu können, als besonders stimulierend empfunden.

Sie haben aber nicht nur aus Abenteuerlust teilgenommen, oder?

Zum einen war da tatsächlich die Aussicht, einen tieferen Einblick in das deutsche Nachbarland bekommen zu können als es meine regelmäßigen Besuche in Ostberlin vermochten. Zum anderen aber war dieser Wettbewerb mein erster mit einem so großen Repertoire. Das war anders als im Studium, wo man sich mit Solokonzerten und Orchesterstellen für Probespielsituationen beschäftigt, also eher mit dem Standardrepertoire des jeweiligen Instruments.

In Markneukirchen wurden hingegen Kompositionen verlangt, von denen wir überhaupt keine Ahnung hatten und deren Komponisten wir nicht einmal vom Hörensagen her kannten. Die Herausforderung, mit diesen Stücken etwas anzufangen, war in der relativ kurzen Zeit enorm. Der Vorlauf war damals aufgrund der noch nicht sehr fortgeschrittenen Kommunikation für die Vorbereitung nur ein paar Monate lang.

Heute erfährt man von den Möglichkeiten zur Wettbewerbsteilnahme und dem zugehörigen Pflichtrepertoire sehr viel früher. Allerdings gibt es heutzutage auch wesentlich mehr Veranstaltungen, sodass die Vorbereitungszeit im Verhältnis eher weniger geworden ist.

Würden Sie von einer im negativen Sinne inflationären Wettbewerbslandschaft sprechen?

Nein, ich halte es nicht per se für negativ, wenn eine Veranstaltungsform sich durchsetzt oder Nachahmer findet. Das ist in sich zwar noch kein Zeichen von Qualität, zeigt jedoch auf, dass sich die Öffentlichkeit und die Musikwelt für solche Formate interessiert. Natürlich muss man sich Gedanken über den Ablauf der Wettbewerbe und den Sinn der Wettbewerbsidee selbst machen. Es muss hinterfragt werden, ob dies etwas ist, was künstlerisch, musikalisch und auch menschlich unsere jungen und auch die arrivierten Solisten fördern kann, oder ob es eher ein Hemmnis für die musikalische Entwicklung darstellt.

Welche Gründe sprechen denn dann generell für einen Wettbewerb?

Ein Grund ist die erwähnte Beschäftigung mit neuem Repertoire, welches durch die Pflichtstücke und die Liste der Auswahlstücke vorgegeben ist. Wir beschäftigen uns mit Stücken, die zum Teil nicht dem Standardrepertoire entsprechen. Wenn der Wettbewerb gut organisiert ist, hat man die Chance, sich mit zeitgenössischem Repertoire zu beschäftigen, neuen Kompositionen, die vielleicht ohne den Wettbewerb gar nicht erst zur Aufführung gelangen würden.

Durch den Vergleich mit anderen Solisten appelliere ich zudem an die eigene künstlerische Herausforderung und sporne mich zu Höchstleistungen an. Denn da kommen schon – technisch gesehen – erstaunliche Leistungen zustande.

Und natürlich kommt es auf Wettbewerben immer auch zu einem Austausch mit Solisten, Musikern und Orchestern aus anderen Bereichen und geografischen Regionen. Das lässt einen immer wieder über den eigenen Tellerrand hinausschauen.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Sinn und Zweck musikalischer Wettbewerbe":

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