Schwerpunktthema: Die Orchesterprobe - Wie professionell darf die musikalische Arbeit mit Amateuren sein?

Der Dirigent – ein »demokratischer Diktator«?

Über die Bedeutung des Dirigenten habe ich an anderer Stelle von Clarino schon ausführlicher gesprochen (vgl. Clarino 10/2012). Hier nun sollen die Möglich­keiten eines künstlerischen Leiters bei der werkgerechten Gestaltung eines Kunstwerks im Detail behandelt werden. Dabei möchte ich betonen, dass für mich eine böhmische Polka oder »Laridah« die gleiche künstlerische Aufmerksamkeit verdient wie beispielsweise das »Lied ohne Worte« von Rolf Rudin. 

Grundlage für überzeugende Orchesterleistungen ist die Probe. Gerade bei Amateurmusikern hängen Erfolg oder Misserfolg einer Probe im Besonderen von den musikerzieherischen Fähigkeiten des künstlerischen Leisters ab. Im Gegensatz zur Arbeit eines Dirigenten mit professionellen Orchestern, in der es primär darum geht, die künstlerischen Intentionen und Leistungen der einzelnen Musiker zu bündeln und einem geistigen Gleichklang zuzuführen, müs-sen im Regelfall bei Amateuren komplexe musikologische Inhalte und Kenntnisse vermittelt werden, um an einer »vom Geist des Werkes zeugenden und durchseelten musikalischen Interpretation« (Bruno Walter) konstruktiv und effektiv arbeiten zu können. Dies gelingt, wenn der Dirigent ein leidenschaft­licher, charismatischer Musiker ist, der auch seine fordernden Belehrungen in farbenreichen Formu­lierungen vorträgt und auf trockene theoretische Abhandlungen ebenso verzichtet wie auf endloses blumiges Geschwafel. Allen Ausführenden muss in den Proben stets verdeutlicht werden, dass sie Mittler zwischen Komponist und Publikum sind und über Wert oder Unwert einer Komposition letztlich nur die Hörer entscheiden sollten. Diese haben einen Anspruch darauf, das Kunstwerk in bestmöglicher Weise präsentiert zu bekommen. 

Dieser künstlerische Reifeprozess wird vom Dirigenten gesteuert; er bestimmt Abläufe und Inhalte der Proben, legt künstlerische Schwerpunkte fest und koordiniert die nötigen zeitlichen Abläufe in den verschiedenen Instrumentalregistern. Die Probenarbeit soll jeden Musiker zu seinem Leistungsoptimum ­führen, ohne ihn zu überfordern. Mit einfühlsamen Worten ist der Dirigent gehalten, individuelle Leistungsdefizite und Wege zu deren Überwindung ­aufzuzeigen. Die vom Dirigenten angewandten ­Methoden müssen dem Werk angepasst, variabel und systematisch sein.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Teamwork - Probenpädagogik und Probendidaktik":

  • 17.05.2013
  • Schwerpunktthema
  • Stefan Fritzen
  • Ausgabe: 6/2013
  • Seite 22-27

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