Schwerpunktthema: Die Lippen - Organ mit Amorbogen

Jeder Bläser, ob in Ausbildung oder als gestandener Musiker, wird auf die Frage nach den anatomisch-funktionellen Grundlagen des Blasens zuerst seine Lippen nennen. Er wird auf deren Empfindlichkeit hinweisen, auf mögliche Druckbelastungen durch Mundstücke und Beweglichkeitsprobleme, auf die ­Abhängigkeit von Jahreszeitbedingten, die Blasleistung einschränkenden Witterungseinflüssen und auf die Mühe, die man grundsätzlich aufwenden muss, um einen Kontakt zum Instrument über das Mundstück herzustellen. 

Die Diskussion in Fachkreisen über den »richtigen« Ansatz wird von allen Bläsergenerationen immer wieder erneut geführt und jeder Lehrer oder Bläser ist natürlich davon überzeugt, dass nur seine Methode des Lippengebrauchs beim Blasen die richtige sei. Wenngleich die vorrangige Fokussierung auf die Lippen den Blick auf komplexere blasphysiologische Abläufe etwas einengt, ist sie doch verständlich, da die Mundmuskulatur beim Blasen in einer extremen und unphysiologischen Weise belastet wird. Außerdem ist die Mundmuskulatur die Schnittstelle, über die das tote Material des Instruments mit dem gesamten menschlichen Körper zu einer funktionalen Einheit verschmolzen werden soll.

Kussmäulchen und harte Strenge

Grundlage der Lippenmuskulatur ist der Mundringmuskel (M.orbicularis oris). Er besteht aus zwei Teilen, der Oberlippe (Labium superius) und der Unterlippe (Labium inferius). Die geschwungene Linie der Oberlippe strahlt insbesondere bei Frauen eine starke sinnliche Anziehungskraft aus. Deshalb wird das Gedenken an Marilyn Monroe oder Brigitte Bardot noch Jahrzehnte wachbleiben, und romantische Dichter bezeichnen den Lippenbogen auch gern als Amor­bogen, Kupidobogen oder Lippenherz. Diese Begriffe sind in die Anatomie übernommen worden.

Die Unterlippe ist beim Menschen gewöhnlich etwas wulstiger. ­Beide Lippenanteile sind durch das sogenannte Lippenbändchen (Frenulum) mit der Mundschleimhaut verbunden. Wenn dieses bei der Oberlippe zu tief angewachsen ist, kann man es als Bläser beim Kieferchirurgen durch einen kleinen Schnitt etwas kürzen lassen, um den Zug auf das Zahnfleisch zu verringern und die Lippenverschieblichkeit beim Blasen zu verbessern. 

An der Mundstellung ist auch sehr gut die geistig-seelische Stimmungslage des Betroffenen abzulesen. Man denke nur an das legen­däre Schmollmündchen pubertierender Mädchen oder die ­zusammengekniffenen Lippen eines mit sich und der Welt un­zu­friedenen Mannes. Früher glaubte man noch, dass Menschen mit übermäßig schmalen Lippen und einem relativ kleinen Mund zur Grausamkeit neigen. Hitler, Stalin oder Ulbricht liefern allerdings dafür keinen Beleg.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Lippenbekenntnisse - Das belastbare Organ":

  • 18.02.2013
  • Schwerpunktthema
  • Stefan Fritzen
  • Ausgabe: 3/2013
  • Seite 20-24

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