Schwerpunktthema: Die Jazzstudie 2016: Außer Spesen nichts gewesen

Hinter vorgehaltener Hand wurde in der Szene schon lange gemunkelt, nun ist es offiziell. Von Jazzmusik leben kann in Deutschland nur eine absolute Minderheit, die allermeisten sind auf ein Zubrot angewiesen und bewegen sich selbst dann eher am unteren Ende der Nahrungskette.

Auftraggeber der vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim erarbeiteten »Jazzstudie 2016« waren das Jazzinstitut Darmstadt, die Union Deutscher Jazzmusiker und die Interessengemeinschaft Jazz Berlin. Gefördert unter anderem von der Bundesregierung und dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, haben Dr. Thomas Renz und Maximilian Körner vom Institut für Kulturpolitik der Uni Hildesheim mit einer profunden Datenerhebung die Lebens- und Arbeitssituation von Jazzmusiker(inne)n in Deutschland erfasst.

Die Teilnehmer: Jazzer in Deutschland

Da die Gesamtzahl der in Deutschland lebenden Jazzer eine unbekannte Größe ist, nahmen die Wissenschaftler die bei der Künstlersozialkasse versicherten 4663 selbstständigen Jazzmusiker als Orientierungswert. Über die sozialen Netzwerke der Szene wurde die Jazzstudie breit beworben und dann vier Wochen zur anonymen Teilnahme freigeschaltet. An dem großen Fragenkatalog beteiligten sich überraschenderweise mehr als 1800 Künstler und lieferten so einen Berg von Daten, der ausgewertet werden konnte.

Ihre Intention fasste das Team der Uni Hildesheim so zusammen: »Till Brönner hat es geschafft. Bei ihm und einigen anderen besteht kein kultur- oder sozialpolitischer Handlungsbedarf. Er und andere Stars der deutschen Jazzszene sind weniger Gegenstand dieser Studie und es geht nicht darum, vor allem deren künstlerische und finanzielle Erfolge abzubilden. Vielmehr geht es um die breite Masse, die – wie dargestellt werden wird – häufig mit gerademal 50 Euro Abendgage nach Haus geht.«

In einem ersten Abschnitt klopften die Wissenschaftler den Bildungshintergrund der Jazzmusiker ab. Hier kam zutage: Obwohl der Ursprung aller Jazzmusik nicht in den gesellschaftlichen Eliten und der Kunstmusik zu suchen ist, haben mittlerweile weit über 90 Prozent aller Aktiven in Deutschland ein Abitur oder zumindest die Fachhochschulreife. Entsprechend hoch sind dann auch Hochschulabschlüsse mit 70 Prozent vertreten. Bei den jungen Künstlern steigt dieser Prozentsatz weiterhin an. Nur in der älteren Generation findet sich noch der typische »Selfmade-Jazzer«, der ohne akademische Ausbildung seinen Weg machte.

Das Elternhaus spielt schon immer eine große Rolle

Dass die berühmte Plattensammlung des Vaters als Initialzündung dient, ist bis heute keine Seltenheit. Eine allgemein kulturinteressierte Umgebung scheint im Jazz-Haushalt fast schon selbstverständlich zu sein. Neben dem Bildungsstand ist aber auch die finanzielle Ausstattung ein wichtiger Faktor. Instrumente müssen gekauft und Unterricht bezahlt werden.

Dass die soziale Herkunft den Weg zur Bildung und damit auch zum Jazz ebnet, bejaht die Umfrage eindeutig. Zudem ist die exzellente Jazz-Förderung an vielen Schulen heute dafür verantwortlich, dass sich dann immer mehr Jugendliche an einem der mittlerweile 18 Jazz-Institute zur Ausbildung bewerben. Insgesamt ist die Zufriedenheit mit dem Studienverlauf maßgeblich davon abhängig, wie gut man sich von seinem Hauptfachlehrer künstlerisch gefordert und gefördert fühlte. Doch die Bachelor- und Masterstudiengänge müssen auch viel Kritik einstecken.

  • 18.05.2016
  • Schwerpunktthema
  • Georg Wassmuth
  • Ausgabe: 6/2016
  • Seite 38-40

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