Schwerpunktthema: Die E-Grenze - Elektroakustische Musik, Bildung und Publikum

Der opulente Klang eines akustischen sinfonischen Blasorchesters ist mit das Größte, das ich je gefühlt und gehört habe. Ergänzt man es mit der Klanglandschaft einer Stereo-Audiospur, wird die emotionale Wirkung des Ensembles in ihrer Schönheit und Kraft fast überwältigend.

Wir hören Musik nicht nur mit unseren Ohren, wir nehmen sie durch den ganzen Körper auf. Die Zuhörer sind daran gewöhnt, dass Musik von der Bühne aus auf sie hereinstürzt – und nun werden sie durch zusätzliche Klänge über Lautsprecher von links, von rechts, von hinten umarmt. Es ist diese starke Kombination von expressiven, sinnlichen Kräften, die mich antreibt, Musik für elektro-akustisches Blasorchester zu komponieren.

Shapiros Anfänge als Film-Komponistin

In den 1980er und 90er Jahren lebte ich ein sehr bequemes Leben in Los Angeles, wo ich Low-Budget-Filme und TV-Projekte vertonte. Wie jeder Komponist in diesem Geschäft hatte ich mir ein professionelles Aufnahmestudio zusammengebaut mit den neuesten Steuerungen, Sound-Designs und Technik-Anwendungen.

Bereits 1977, mit 15, hatte ich mit elektronischer Musik gearbeitet, und ich wurde immer besser, mit den neuen, immer besseren Werkzeugen Tonspuren für jedes Genre zu produzieren, denn leider gab es oft kein Budget für Live-Musiker.

Was ist elektronische Musik?

Der Großteil der Musik für heutige TV-Shows und Spielfilme ist elektronisch produziert – oder zumindest weitgehend mit der Zugabe von nur wenigen »echten« Musikern. Eine elektronische Spur kann entweder tatsächliche Instrumente nachahmen oder Klänge nutzen, die auf keine andere Art und Weise erreicht werden können.

Die Zusammenführung beider Klangwelten

In den späten 90ern verlagerte ich meine Karriere ganz auf das Schreiben für die Konzertbühne und komponierte viel Kammermusik für kleine Ensembles. Während ein Großteil davon rein akustisch war, wuchs mein Interesse zunehmend, mein digitales Studio zu nutzen.

Also nahm ich die aufgezeichnete Spur in die Instrumentierung auf, um einen Solisten zu begleiten. Diese Neugier und die natürliche Entwicklung, die daraus folgte, vergrößerten sich deutlich, als ich begann, für Blasorchester zu schreiben. »Warum«, habe ich mich gefragt, »bringen wir diese beiden magischen Klangwelten nicht zusammen?«

Audiospur und der Komponist

In jedem meiner Werke für elektroakustisches Orchester behandle ich die vorab aufgezeichnete Spur wie eine organische, zusätzliche Sektion des Ensembles, die ihren eigenen Klang hat. Die Holzbläser, das Blech, Perkussion, die Rhythmus-Sektion und der einsame Kontrabassist: alle haben einzigartige Klangfarben und Texturen. Mit einer Audiospur füge ich eine weitere Klangfarbe hinzu, die bereichert, erweitert und die gesamte Palette kontrastiert.

In der Regel komponiere ich vertikal, Takt für Takt und Satz für Satz. Ich orchestriere alle Gruppen gleichzeitig – und nicht etwa den akustischen Teil zuerst und die Elektronik als »Begleitspur« oder umgekehrt. Ich verfolge einen ganzheitlichen Ansatz im Komponieren, um das Ergebnis einer eindrucksvollen und potenziell enormen Klangwand zu erreichen.

Ich lasse die Live- und die aufgezeichneten Elemente verschmelzen, damit die Zuhörer nicht sagen können, wo der eine Teil beginnt und der andere endet. Mein Ziel ist es, mit dieser erweiterten Palette Musik zu schaffen, die auf unerwartete Weise verbindet – und zwar sowohl die, die sie spielen als auch die, die sie hören.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Blasmusik Plus - Was kann/darf/soll ein Blasorchester?"

  • 17.06.2015
  • Schwerpunktthema
  • Alex Shapiro
  • Ausgabe: 7-8/2015
  • Seite 39-43

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