Schwerpunktthema: Der Badonviller-Marsch - Dunkle Kapitel deutscher Geschichte

  • 17.09.2015
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 10/2015
  • Seite 36-37

Entstanden ist er zu Ehren eines Regiments, dessen Kampfeinsatz durchaus fragwürdig war. Dann wurde er auch noch zum Auftrittsmarsch Adolf Hitlers erkoren. Heute gefällt der Badonviller-Marsch vor allem der rechtsradikalen Szene.

Gegen das Musikstück selbst lässt sich ja wenig sagen. Die Melodie mit den hochfahrenden Quarten und den Vierteltriolen verwendet eingangs die Töne des D-Dur-Dreiklangs, dann wird tiefer sequenziert in der Paralleltonart h-Moll. Es folgen eine chromatisch aufsteigende Linie über rasch wechselnde Akkorde und die Rückkehr über e-Moll und A7 zu D-Dur – das sind die ersten 16 Takte.

Ein historisch vorbelasteter Marsch

Das Stück ist sauber komponiert, eine ordentliche Arbeit, aber sicherlich kein Geniestreich und bestimmt nicht »der beste Marsch der Welt«, wie die ewiggestrigen, verblendeten Rechtsradikalen so gerne behaupten. Wer das Stück hören will, findet es mühelos im Internet – meist zusammen mit politisch höchst unappetitlichen Anpreisungen und mit Bildern, die unverhohlen Krieg, Wehrmacht und Nazitum verherrlichen.

Noch im Sommer 2013 sollte der Badonviller-Marsch bei einer NPD-Kundgebung in Münster erklingen, die Polizei verbot die Aufführung, aber das Verwaltungsgericht hat das Verbot später für rechtswidrig erklärt. Begründung: Der Badonviller-Marsch sei zwar »historisch belastet«, störe aber nicht die öffentliche Sicherheit und Ordnung.

Urteil zur Aufführung des »Badenweiler-Marsches«

Vor 60 (!) Jahren glaubte das Amtsgericht in Nürnberg, ein salomonisches Urteil zu fällen. Sieben wahrscheinlich harmlose Blasmusiker hatten auf einer Kirchweih den »Badenweiler-Marsch« gespielt und waren wegen »groben Unfugs« angezeigt worden. Das Amtsgericht von 1955 sprach sie frei – mit der Begründung, dass es sich hier keineswegs um Adolf Hitlers Lieblingsmarsch gehandelt habe, sondern um politisch sauberes bayerisches Kulturgut.

Schließlich sei der Badonviller-Marsch ein »Marsch der alten bayerischen Armee, die tausend Jahre lang von der Schlacht auf dem Lechfeld bis zur Frühjahrsoffensive 1918 stets tapfer, anständig und ritterlich gekämpft hatte und nie zur Eroberung fremder Länder und Unterdrückung fremder Völker, sondern stets nur zur Verteidigung ihres Heimatbodens ausgezogen war«.

Nach Ansicht der Amtsrichter sollten sich alle Bayern (und Franken) darüber empören, »dass ein nichtbayerischer Halbzigeuner aus der Hausierersippe der Schicklgruber diesen Marsch, der eine Erinnerung an eine schneidige Waffentat der alten bayerischen Armee hochhält, für seine das ganze deutsche Volk zum Gespött der übrigen Welt machenden Hanswurstiaden, genannt Führergroßkundgebungen, missbrauchen konnte«.

Und weiter: »Wenn der Marsch von demokratischen Organisationen gespielt würde, würden rechtsradikale Kreise sehr schnell die Freude an ihm verlieren.« Der Badonviller-Marsch – nur die Hommage an eine ritterliche, anstä­dige, schneidige Waffentat zur Verteidigung des Heimatbodens? Im Ernst?

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Deutschland, deine Musik":

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