Schwerpunktthema: Der Altersstil - Erfahrung, Reife, Reduktion

Man kann nicht behaupten, dass unsere Gesellschaft ältere Menschen besonders respektiert. Möglichst früh schickt man sie ins Senioren-Ghetto, erst in die Rente, dann auf Kaffeefahrten und schließlich ins Pflegeheim. Rentnerinnen und Rentner kommen nicht einmal als werberelevante Zielgruppe in Betracht, außer für die pharmazeutische Industrie. Weil sie sich tatsächlich selten für neue Smartphones und Online-Spiele interessieren, gelten sie als nicht lernfähig und nicht konsumorientiert. Wer 65 ist, darf in Deutschland nicht einmal mehr für ein Bürgermeisteramt kandidieren. In Schleswig-Holstein, wo die Leute offenbar am schnellsten vergreisen, dürfen sie es schon mit 60 nicht mehr. 

In traditionellen Kulturen wurden die Weisheit des Alters und die Empfehlungen eines Ältestenrats noch ernst genommen. Un­sere Gesellschaft dagegen glaubt, auf die Erfahrung der Senioren, ihre beruflichen Fertigkeiten, ihr Fachwissen, ihre Erinnerungen, ihre Lebensklugheit und ihr über­legenes Urteil einfach verzichten zu können. Jede nachfolgende Generation hält sich zunächst für kompetenter und vertraut dabei nur ihrer eigenen Wahrnehmung. Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain hat das einmal so auf den Punkt gebracht: »Als ich 14 war, war mein Vater so un­wissend. Ich konnte den alten Mann kaum in meiner Nähe ertragen. Aber mit 21 war ich verblüfft, wie viel er doch in sieben Jahren dazugelernt hatte.«

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Lernen - Ein Leben lang. Aber wie?":

  • 17.04.2013
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 5/2013
  • Seite 36-37

« zurück