Schwerpunktthema: "Das ist Unsinn!" - Enjott Schneider über Film- und E-Komponisten

Filmmusik oder Konzertmusik? Enjott Schneider macht beides. Und er findet auch nichts dabei. Ganz im Gegenteil, er geht da sehr offensiv damit um. Früher habe es ihn geärgert, nur als Filmkomponist wahr­genommen zu werden. Ähnlich wie Morricone es satt war, stets auf »Spiel mir das Lied vom Tod« angesprochen zu werden. »Inzwischen weiß ich, dass die harte Schule des Films mir eine gute Lehre war.«

Bei der Interviewanfrage haben Sie gemeint, dass alle guten Komponisten auch Filmmusik machen – machen Filmkomponisten auch gute »ernste« Musik?

Viele Komponisten wie Prokofjew, Schostakowitsch, Schnittke, Copland, Gia Kantscheli, Milhaud, Takemitsu, Walton, Poulenc oder Hindemith wussten auch leidenschaftlich gute Filmmusik zu schreiben. Beim Scoring lernt man unmittelbaren, plastischen Ausdruck; man erhält sofort von Regisseur, Produzent, Publikum Reaktion, ob man die Menschen erreicht oder nicht, man entwickelt ein Vokabular der Emotionen, der »Inhalte«, der Stimmungen und Atmosphären. Ob nun im Umkehrschluss Filmkomponisten zwingend auch im Konzertsaal reüssieren, hängt von deren Bereitschaft ab, sich in die spezifischen Gesetze der autonomen Musik einzuarbeiten. Ich kenne einerseits Filmkomponisten, die ohne den Bild-Impuls absolut nicht komponieren können. Andererseits gibt es Filmkomponisten, die expressive und stets »publikums­nahe« Werke für den Konzertsaal geschrieben haben: Korngold, Williams, Morricone, Nyman, Yared, Corigliano, Shore, Petitgirard, Kilar, Goldenthal, Glass.

Woran liegt es, dass viele Komponisten entweder als Komponisten oder als Filmkomponisten wahrgenommen werden?

Erster Grund: Mit Filmmusik erreicht man ein größeres Publikum als mit der Live-Musik­ des Konzertsaals. Mit einem einzigen Film wird ein Name schnell Millionen von Menschen bekannt. Kino- wie Fernsehfilme werden per se flächendeckend in vielen Städten und Ländern rezipiert, während viele »E«-Komponisten oft nur lokal gespielt werden. Daher hat man als Filmkomponist viel schneller einen Namen – unter dem man allerdings nie Konzert­musik vermutet. 

Zweiter Grund: In Deutschland macht man (in alter christlich-paulinischer Trennung) einen krassen Unterschied in der Bewertung von Körper und Geist, oder »U« und »E«. »U« ist pfui und körpernah, tanznah, unterhaltungsnah! »E« hingegen ist angeblich Resultat reflektierenden Geistes, muss »ernst« sein, darf nicht »unterhaltsam« sein. Common sense ist dann schnell der fatale Antagonimus: Wer wirklich ernsthaft »E« macht, der kann doch nicht gleichzeitig auch das tänzerische, leichte »U« beherrschen. Filmmusik wird ja GEMA-Kriterien gemäß kategorisch immer als »Unterhaltungs- und Tanzmusik« abgerechnet.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Filmmusik & Musikfilm":

  • (Blas-)Musik beim Film (von Christian Mayr)
  • Blasinstrumente in der Filmmusik (von Enjott Schneider)
  • Bugs Bunny in Aktion - Raymond Scotts heimliche Filmkarriere (von Hans-Jürgen Schaal)
  • Filmmusik im Bläserkleid - Wer fängt den Kern? (von Jörg Murschinski)
  • "Das ist Unsinn!" - Enjott Schneider über Film- und E-Komponisten (von Klaus Härtel)
  • Zwei glorreiche Kalifornier - Filmklänge für Clint Eastwood (von Hans-Jürgen Schaal)
  • 22.06.2012
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 7-8/2012
  • Seite 34-35

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