Schwerpunktthema: 100 Jahre Jazz - Stationen einer Blasmusik

  • 21.04.2016
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 5/2016
  • Seite 24-27

Bei Jazz denken wir gewöhnlich an dunkle Kellerlokale mit Mikrofonierung und Beschallungsanlage und einer trockenen Akustik. Ganz falsch! Der Jazz war in seinen Anfängen eine fröhliche Freiluftmusik – Blasinstrumente und Trommeln sind sein Ursprung und Kern. Und ohne sie geht es bis heute nicht.

New Orleans: Die Wiege des Jazz

Als Wiege des Jazz gilt das 1718 von Franzosen gegründete New Orleans. Die Hafenstadt nahe der Mündung des Mississippi in den Golf von Mexiko wurde im 19. Jahrhundert zu einem Schmelztiegel von Kulturen nordamerikanischen, europäischen, afrikanischen, karibischen und asiatischen Ursprungs. Im Leben der Stadt gehörten Blaskapellen und Parademusik verschiedener musikalischer Traditionen zur Tagesordnung.

Nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei in den USA (1865) entdeckten speziell die Afroamerikaner das Ausdruckspotenzial von Brassband-Besetzungen. Bei den Paraden schwarzer Bands wurde improvisiert und getanzt. Besonders der Mardi Gras (»fetter Dienstag« = Karneval) und die New Orleans Function (Begräbniszeremonie) befeuerten die afroamerikanische Brassband-Kultur.

Der kreolische Klarinettist Alphonse Picou (1878 bis 1961) nannte die Musik der 1880 gegründeten Excelsior Brass Band »den ersten Jazz, den ich hörte«. Aus ihr und anderen afroamerikanischen Paradekapellen (Onward Brass Band, Tuxedo Brass Band u. a.) gingen die stilbildenden frühen Solisten des Jazz hervor.

Wortherkunft: Was bedeutet »Jazz« eigentlich?

Vor 100 Jahren bekam diese frenetische neue Blasmusik aus dem Süden ihren Namen: Jazz. Über die etymologischen Ursprünge dieses Wortes gibt es allerdings mehr Theorien als es Instrumente in einer Brassband gibt. Gebraucht wurde der Begriff »jazz« offenbar zuerst im Sport, genauer: im Baseball an der amerikanischen Westküste – dort bezeichnete »jazz« einen besonderen Drall oder Effet.

Das Wort entwickelte sich über diesen Bereich hinaus zu einem Kult- oder Szeneausdruck im Sinn von »schwungvoll« oder »enthusiastisch«. Als die mitreißenden Rhythmen aus New Orleans um 1915 in Chicago Furore machten, waren sie deshalb einfach »jazz« – heute würde man sagen: »cool«, »geil«, »krass«.

Über die genaue Schreibweise des Wortes herrschte damals noch keine Einigkeit, es kursierten auch die Versionen »jaz«, »jas« oder »jass«. Die erste Band, die das Wort im Namen trug, war die Original Dixieland Jass Band, die Lärmkapelle einiger weißer Farmer-Punks. Sie verabschiedeten sich übrigens bald von der Schreibweise »Jass«, weil Witzbolde ständig das »J« auf ihren Plakaten wegkratzten. Da die ODJB die Chance bekam, die ersten »Jazz«-Schallplatten der Geschichte zu machen (1917), glaubte so mancher Europäer, Jazz sei eine Erfindung weißer Bauernburschen.

Das PDF enthält alle sieben Artikel des Schwerpunktthemas "100 Jahre Jazz - Musik, Instrumente, Improvisation":

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