Schätzt du noch oder hörst du schon? - Der Harmony Director HD-200 A von Yamaha

In der Ausgabe April 2012 hat der Verfasser theoretische Überlegungen zum Harmony Director HD-200 A angestellt und die Funktionen des Geräts vorgestellt. Was aber mach ich mit dem Teil? Hier kommt die Antwort: die Anwendbarkeit des HD-200 A in einer Orchesterprobe.

Anhand eines ausgewählten Beispiels soll ein kurzer Überblick in die praktische Einsatzweise des HD-200 A gegeben werden. Die gewählte Stelle ist aus den »Bulgarian Dances« von Franco Cesarini und beinhaltet sowohl rhythmische als auch intonatorische Schwierigkeiten.

Als erstes wird der Dirigent diese Stelle mit den Taktwechseln im METRO­NOME-Bereich einprogrammieren und abspeichern. Im Original kommen die ersten drei Taktwechsel so nicht vor, sondern der erste Takt ist ein ⁸/₈-Takt mit anschließendem ²/₄-Takt. Der ⁸/₈-Takt ist jedoch folgendermaßen aufgeteilt:3 + 2 + 3. Um diese Verteilung auch im Metronom zu erhalten, wurde kein ⁸/₈-Takt programmiert, sondern jeweils ein ³/₈- + ²/₈- + ³/₈-Takt eingegeben, um die entsprechenden Akzente auf den Zählzeiten zu erhalten. Das Notenbeispiel (siehe Seite 56) wurde entsprechend notiert und verändert.

In der Orchesterprobe kommen zuerst die Fagotte an die Reihe. Zuerst stimmt man die reine Quinte F – c aus. Hierzu spielt man das Intervall auf dem HD-200 A vor und lässt beide Fagotte dazu spielen. Über die Funktion VOLUME im HAR­MONY-Bereich kann man die einzelnen Töne in der Lautstärke variieren, sodass man zum Beispiel mit dem HD-200 A das untere F spielt und das c über die ­Funktion VOLUME komplett ausblendet. Dann das erste Fagott alleine das c zum F des HD-200 A spielen lassen und das c über die Funktion VOLUME langsam einblenden, um den Spieler ein wenig zu stützen.

Im zweiten Schritt, wenn das Intervall sauber klingt, wendet man sich der rhythmischen Herausforderung dieser Stelle in den Fagotten zu. Um die zuvor erreichte Intonation nicht wieder zu verlieren, unterstützt man hierbei mit der liegen­den Quinte im HD-200 A. Da dieser Abschnitt der Probe auch dirigiert werden soll, spielt man die Quinte auf dem HD-200 A und drückt die HOLD-Funktionstaste, sodass man beide Hände frei hat. Um die beiden Fagotte im Zusammenspiel und in der Rhythmik mit dem HD-200 A zu unterstützen, nimmt man nun das Metronom zuhilfe und wählt dabei aus, dass das Metronom jeweils auf die 1 des Taktes, die Viertel und Achtel einen Klick geben soll. Dazu stellt man die Schieberegler des Metronoms ACCENT, VIERTEL und ACHTEL ganz nach oben. Man wählt den vorher gespeicherten Rhythmus und zählt mithilfe der TAP-Funktion langsam ein. Wenn der Rhythmus sich nach und nach festigt, kann das Tempo allmählich gesteigert werden. Folgendes ist in der Situation vom HD-200 A aus für die Musiker zu hören: Die QuinteF – c erklingt neben dem Metronom gleichzeitig, das heißt die ­Fagotte erhalten zeitgleich einen Anhaltspunkt für die Intonation der reinen Quinte und ein rhythmisches Raster für die Taktwechsel.

Als nächsten Schritt kann man durch Herunterziehen des Schiebereglers für die ACHTEL die akustischen Signale allmählich leiser werden lassen. Dies bewirkt, dass letztendlich die Fagotte die ­Stelle immer selbstständiger spielen sollen und nur noch auf die Viertel der Takte eine kleine Unterstützung vom Metronom bekommen.

Als an dieser Stelle abschließenden Schritt soll das Englischhorn in das Gefüge eingebaut werden. Um die Stimme nicht transponieren zu müssen, wählt der Dirigent nun über die TRANSPOSE-Funktion die entsprechende Transposition in F für das Englischhorn aus und kann die Stimme aus der Partitur wie notiert abspielen. Folgendes ist nun zu hören: der weiterlaufende Rhythmus des Metronoms und die vom Diri­genten gespielte Stimme des Englischhorn.
Dies soll kurz umreißend die Arbeit mit dem HD-200 A in der Orchester­probe und die damit verbundenen und entstehenden Einsatz­möglichkeiten darstellen. Dieses kurze Beispiel und die Form, wie die Probe oben beschrieben wurde, konnte vom Autor in einer Probe mit einem professionellen Orchester an den »Bulgarian Dances« selber ausprobiert werden. Insbesondere die in diesem Werk später auftauchenden Taktwechsel unter Verwendung eines ⁷/₁₆-Taktes in sehr schnellem Tempo konnten auf diese Weise den Musikern akustisch und durch das Metronom untrüglich vermittelt werden.

Empfohlenes Equipment und Videos

Das zuvor beschriebene Beispiel zeigt, dass der HD-200 A für jeden Musiker gut hörbar sein muss. Dieses ist unbedingte Voraussetzung für den Erfolg in der Probe, denn die kleinen akustischen Unterschiede die Intonation betreffend sollten für alle Musiker gut hörbar sein. Dazu reicht der interne Lautsprecher des HD-200 A nicht aus. Es wird daher empfohlen, den HD-200 A über Lautsprecher und ­Anlage zu verstärken. Folgendes Equipment wird von Yamaha zusammen mit dem HD-200 A empfohlen:

  • STAGEPAS 300: eine portable Verstärkeranlage (Mixer mit zwei ­Boxen)
  • MSR-100: eine Aktivbox
  • L-2X: ein Scherenständer für den HD-200 A

Die Verwendung der Aktivbox MSR-100 ist sicherlich die einfachste Lösung. Diese ist jedoch nur in kleinen Räumen und einem kleinen Ensemble einsetzbar. Die ­beste ­Lösung ist sicherlich die Ver­wendung der portablen Anlage STAGEPAS 300, um einen großen Probenraum für etwa 50 Musi­ker optimal und flächendeckend zu beschallen. In beiden Fällen sind noch Ständer für die Boxen notwendig, damit diese über den Köpfen des Orchesters angebracht werden können. Es ist wichtig, dass der Klang des HD-200 A über die Gruppe abstrahlt und nicht von unten auf die Personen gerichtet ist.

An dieser Stelle wird auf zwei Videos verwiesen, in denen die Handhabung des HD-200 A demonstriert wird. Das erste ­Video »Edu­cator demonstration and introduction« ist aus Amerika und dauert ca. 19 Minuten. Das zweite Video »HD 200 Technical Overview« wurde in Japan produziert und dauert ca. 16 Minuten. Insbesondere das zweite ist sehr zu empfehlen, da in diesem die Erklärungen vom Entwickler des HD 200, Prof. Ozawa, gegeben werden. Beide Videos sind zurzeit nur auf der amerikanischen Homepage von Yamaha zu ­finden: www.yamaha.com/paragon/medialibrary/api/minihubtr.html?id=5300423&w=640&h=360&c=5804235&t=p&def=ga

Bandbreite und verschiedene Einsatzbereiche

Aus den oben beschriebenen Funktionen lassen sich Bandbreite und Einsatzbereiche des HD-200 A ableiten. Hierzu ist festzustellen, dass das Gerät unabhängig von der Zusammensetzung der Musiker und somit des Ensembles in jeder Orchesterprobe Anwendung finden kann. Sei es eine Probe in einer Schule mit einer Bläserklasse oder eine Probe mit einem Blasorchester der Mittel- oder Höchststufe. Sicherlich wird sich der Schwerpunkt in der Verwendungsart des HD-200 A abhängig vom Ensemble und Orchester verschieben.

Der Leiter einer Bläserklasse wird den METRO­NOME-Bereich des HD-200 A häufiger verwenden als den HARMONY-Bereich. Die rhythmische Arbeit in Zusammenspiel und Rhythmik stellt in der Blä­serklasse zu Anfang natürlich die größte Herausforderung dar. Verschiedene Berichte von Lehrern aus Bläserklassen, die den HD-200 A seit 2011 regelmäßig ver­wenden, haben gezeigt, dass mit diesem der Probenprozess wesentlich beschleunigt und somit für Lehrer und Schüler die Ergeb­nisse schneller erreicht werden. Schneller erzielbare Ergebnisse bedeutet auch automatisch schneller hörbare Er­folge. Bei der Einführung der punktierten Viertel konnte bei Verwendung der Metronomfunktion des HD-200 A diese erste rhythmische Klippe wesentlich schneller umschifft werden.

Eine Anmerkung zum Thema Intonation in einer Bläserklasse und somit zur Verwendung des HARMONY-Bereichs: Sicherlich ist es aus instrumentaltechnischen Gründen zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht möglich, einen rein stimmenden Akkord zu spielen. Dieses soll auch nicht primäres Ziel sein. Die auditive Einführung in die reine Stimmung und das reine Intonieren soll hierbei mehr im Vordergrund stehen. Wie zu Beginn erwähnt, fehlt es den Musikern in einem Blasorchester an einem konkreten Vorbild eines rein klingenden Akkords. Gelingt es jedoch bereits in der Bläserklasse, die jungen Musiker an diese Intonation zu gewöhnen, so wie es in Japan und allmählich auch in Amerika der Fall ist, werden in einigen Jahren dieselben Musiker in den großen Blasorchestern sitzen und auf diese Weise zur Verbesserung beitragen. Der Vergleich zum Erlernen einer Sprache ist hier sehr zutreffend: Eine Sprache wird am schnellsten erlernt, wenn man von Anfang an Unterricht bei einem Muttersprachler hat oder in dem besagten Land lebt. Intonation lernt man folglich am besten, wenn man von Beginn des Musikerlebens die »richtige« Intonation im Ohr hat.

Je besser nun die Orchester werden, mit denen man als Dirigent zusammenarbeitet, desto mehr wird sich die Arbeit mit dem HD-200 A vom METRONOME-Bereich zum HARMONY-Bereich verschieben.

Zusammenfassung

Der Harmony Director ist sehr schnell und innerhalb eines Nachmittags sicher zu handhaben. Der große Vorteil liegt in der einfachen und überschaubaren Bedienbarkeit des Geräts. Alle wichtigen Funktionen sind meist mit einem einzigen Knopfdruck zu erreichen und auszuführen. Das deutsche Handbuch zum HD-200 A umfasst insgesamt lediglich 22 Seiten.

Die Arbeit mit dem HD-200 A benötigt von jedem einzelnen Musiker das aktive Hören in der Probe. Das Gerät zeigt nicht wie ein Stimmgerät an, ob man zu hoch oder zu tief ist. Das ist so nicht gewollt. Ziel ist es, die Musiker in den Probenprozess, in die Arbeit und in das Ringen um die richtige Into­nation selbstständig und aktiv mit einzubeziehen.

Mit dem HD-200 A steht dem ambitionierten Lehrer und Dirigenten ein Mittel zur Verfügung, das seine Arbeit noch schneller, effizienter und erfolgreicher machen wird. Man muss sich allerdings bewusst sein, dass dieser Weg zu Beginn Zeit und Geduld braucht. Greifbare und vorzeigbare Ergebnisse, gerade in der großen Fläche der Blasmusik in Deutschland, werden sich wahrscheinlich erst nach ein paar Jahren einstellen. Aber es lohnt sich, diesen langen Atem zu haben. Denn das Schöne hierbei ist, dass wir alle das Ende und das Ziel des vor uns liegenden Weges in Form der Qualität und des extrem hohen Niveaus der japanischen Orchester bereits jetzt kennen!

  • 20.04.2012
  • Test
  • Timor Oliver Chadik
  • Ausgabe: 5/2012
  • Seite 54-56

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