Regeneration fürs Gehirn: Kreativität kommt aus der Tiefe

  • 08.12.2017
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 12/2017
  • Seite 38-39

Unser Körper wird irgendwann müde, dann sucht er den Schlaf. Doch was macht das Gehirn? Glaubt man der Wissenschaft, kommt es eigentlich nie zur Ruhe. Nur im Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachsein kann es sich regenerieren.

Der Mensch ist unfähig zum Nichtstun

Der Homo sapiens ist ein ausgesprochen unruhiger Geselle. Ständig sieht man ihn am Machen und Probieren, er hält einfach nicht still. Denn innehalten, nichts tun – das können wir gar nicht. Langeweile stehen wir nicht durch. Lieber hängen wir tagelang vor Videospielen herum oder zappen uns durch Fernsehkanäle.

Einer aktuellen Studie zufolge sind amerikanische Studenten acht bis zehn Stunden täglich mit ihrem Smartphone beschäftigt. Und selbst wenn wir im Urlaub einfach nur "ausspannen" wollen: Spätestens am dritten Tag fangen wir an, sportliche Betätigungen, Ausflüge oder Besichtigungen zu planen.

Der Neurophysiologe Niels Birbaumer (geb. 1945) meint, es sei "nichts Neues und keine bloße Zeiterscheinung, dass Menschen das Nichtstun und die Leere kaum ertragen können. Es ist vielmehr ein typisches Merkmal ihres Gehirns. Denn dieses Organ ist ein Getriebener, angetrieben von sich selbst. Und zwar vom mesolimbischen Dopaminsystem und einigen anderen Hirnregionen, die gerne auch als 'positives Belohnungszentrum' bezeichnet werden."

Unser Gehirn: das ruhelose Organ

Es ist also nicht unser Körper, der keine Ruhe gibt – es ist unser Gehirn, das andauernd beschäftigt sein will. Den besonderen Fähigkeiten dieses ruhelosen Organs, dieser »Gedankenpumpe« (so der Hirnforscher Valentin von Braitenberg), verdankt der Mensch, dass er sich einst gegen gefährliche Raubtiere behaupten konnte. Seitdem kam das Gehirn nicht mehr zur Ruhe.

20 Prozent unseres Stoffwechsels verbraucht es ganz allein, es läuft kontinuierlich auf Hochtouren, es muss ständig Dinge abfragen, erledigen, abhaken oder sich einfach ablenken. 86 Milliarden Neuronen in unserem Gehirn wollen mittels 100 Billionen Schnittstellen miteinander kommunizieren.

Auch im Schlaf ist unser Gehirn fast immer am Werkeln. Entweder es träumt – oder es räumt bei sich gründlich auf, konsolidiert neue Synapsen, macht Archivarbeit und entsorgt Gedankenmüll.

Erholung im "Twilight-Status"

Gelegenheiten zur Erholung und Regeneration findet unser Gehirn am ehesten im sogenannten "Twilight-Status", im Dämmerzustand zwischen Wachen und Schlafen. Dann sind wir uns kaum unserer selbst bewusst, aber in gewisser Weise doch im "Hintergrund" aufmerksam. Wir erfahren einen Moment der Leere und Entlastung, einen angenehmen Ich-Verlust.

Wenn wir durch dieses "Meer der Ruhe" segeln, entstehen nebenbei immer wieder – quasi unwillkürlich und plötzlich – steile Aufmerksamkeitswellen: Sie liefern uns unerwartete Gedanken, Einfälle, verrückte Ideen. Beides, das Abschalten und der Gedankenfunke, erneuern unsere Kreativität. Das Gehirn erholt und erfrischt sich.

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