Raketenstart: Das SBO Ried musiziert seit 30 Jahren

Hektik ist diesem Ort offenbar völlig fremd. Die Mauern des Schlosses Zell an der Pram spenden halbwegs kühlenden Schatten, in dem sich drei gerade pausierende Schlagwerker fläzen. Der Espresso wird genossen, der Hausmeister entstaubt in aller Seelenruhe die Fensterbögen. »Die sanften Hügel des Innviertels und die geschichtsträchtigen Mauern bieten das perfekte Umfeld für Weiterbildung«, behauptet man auf der Webseite des Schlosses.

Aus dem Saal durchbricht Musik die Stille, Peter Grahams »In League with Extraordinary Gentlemen«. Karl Geroldinger winkt kurz, er sitzt barfuß auf einem Drehstuhl am Dirigentenpult, »Exploration« steht auf seinem T-Shirt. Hier erkundet das Sinfonische Blasorchester Ried ein neues Konzertprogramm.

Probenarbeit in entspannter Atmosphäre

Die Atmosphäre ist unglaublich entspannt. Keine Spur davon, dass morgen ein Konzert auf dem Rieder Stadtplatz steigen soll. Man kennt ja die betriebsame Hektik, die leicht aufsteigende Panik, wenn ein Orchester noch »nicht ganz fertig« ist. Beim SBO Ried? Bei Karl Geroldinger? Nicht hier und nicht heute.

Die Erklärungen und Hinweise des Dirigenten kommen ruhig, fast sanft, und sind stets von einem Lächeln begleitet. Die Bewegungen korrelieren mit den Ansagen, sind äußerst sparsam. Bei aufkommender Unruhe – etwa wenn sich die Klarinetten über eine Passage unterhalten – reicht ein schlichtes, leises »Hallo?!« Im Schloss Zell wird mit Freude musiziert. Und im SBO Ried sowieso. Und das seit 30 Jahren.

Karl Geroldinger: Orchesterleiter seit 30 Jahren

Im Jahr 1988 hat Karl Geroldinger das Orchester gegründet. Und seit dem ersten Tag steht er diesem als Leiter vor. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass die Lust verlorengeht. Oder? Nicht beim Österreicher: »Die Motivation ist eigentlich immer vorhanden gewesen in den vergangenen drei Jahrzehnten.

Sicherlich ist es manchmal etwas kraftraubend, vor allem in der Phase, bis die Besetzung steht.« Die Besetzung nämlich ist nicht in Stein gemeißelt, die ändert sich auch schon mal. Denn das ist eine der obersten Credos von Karl Geroldinger: »Ich will die jungen Leute nicht im Orchester festhalten!«

Damit meint er, dass die Musiker auch andere Erfahrungen machen sollen und müssen. »Der Trompeter Fabian Huemer zum Beispiel, der spielt morgen das Trompetenkonzert von Oscar Böhme und wird jetzt am ARD Musikwettbewerb teilnehmen.« Und dann kann es vorkommen, dass die Besetzung dauert.

»Aber im Großen und Ganzen ist es immer gut gelaufen.« Geroldinger zuckt mit den Schultern. Er kann sich in der Hinsicht auch voll und ganz auf seine Kinder Kathi, Felix und Jonathan verlassen, die immer gerne helfen – wenn Zeit ist. Mit dabei ist auch Geroldingers Ehefrau. Und je näher die Probenphase rückt, desto größer wird dann auch die Motivation und der Tatendrang.

»Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich Schreibtischtäter geworden bin«, vermutet der Dirigent. Denn seit er Direktor des Oberösterreichischen Landesmusikschulwerks ist, hat es ihn von der aktiven Musik weggeführt. »Aber von dort komme ich ja«, ruft er aus. Und natürlich kehrt man gerne dorthin zurück.

  • 22.10.2018
  • Szene
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 10/2018
  • Seite 42-45

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