Prof. Dr. Kathleen Wermke über den Zusammenhang von Musik und Sprachentwicklung

Beim Vergleich von Babylauten hat Professor Dr. Kathleen Wermke eine faszinierende Entdeckung gemacht: »Schon die ersten Schreie von Neugeborenen tragen Spuren ihrer Muttersprache.« Babys imitieren beim Schreien die Melodie. Wir wollten von Kathleen Wermke, die weltweit die einzige Professorin ist, die sich intensiv mit Sprachentwicklung im Säuglingsalter beschäftigt, wissen, ob sich das auch in der musikalischen Entwicklung niederschlägt.

Seit 30 Jahren beschäftigt sich die promovierte Verhaltensbiologin Kathleen Wermke mit Babyschreien, am Uniklinikum Würzburg leitet sie das Zentrum für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen der Poliklinik für Kieferorthopädie. Wermke schätzt, dass sie mittlerweile eine halbe Million Laute auf ihrem Server archiviert hat. Viele davon hat sie selber aufgezeichnet, sie stammen von Babys aus aller Welt.

Frau Professor Dr. Wermke, wie sind Sie zu dieser Forschung gekommen?

Wir wollten wissen, wie der Sprachentwicklungsprozess abläuft. In der Stammesgeschichte des Menschen hat die Musik vermutlich die primäre Rolle gespielt. Bevor unsere Vorfahren gesprochen haben, wurde wahrscheinlich schon getanzt und gesungen. Wir glauben, dass es auch im kindlichen Spracherwerb, in der individualen Spracherwerbsphase, mit Musik losgeht.

Mit Musik in einfachster Form, mit Melodien und Rhythmen. Es gibt eine Reihe von Forschungen, die gezeigt haben, dass schon Ungeborene im Mutterleib auf melodische und rhythmische Variationen der mütterlichen Stimme reagieren. Die Kinder sind sozusagen spezialisiert, auf die mütterliche Stimme zu lauschen. Die mütterliche Stimme hat natürlich ihre eigene Charakteristik, aber eben auch die Intonation und damit die melodisch-rhythmischen Eigenschaften der Muttersprache.

Die sogenannten segmentalen Eigenschaften – also Silben, Konsonanten, Vokale – dringen in den Lärm des mütterlichen Körpers nicht so sehr durch, weil sie gedämpft werden. Aber melodische und rhythmische Charakteristika dringen sehr gut durch und man hat sehr früh schon erkannt, dass Babys nach der Geburt auf den Herzschlag der Mutter reagieren.

Andere Arbeiten haben gezeigt, dass Babys die Mutterstimme und die Muttersprache wiedererkennen. Die Ungeborenen lauschen also nicht nur im Mutterleib darauf, sondern es wird eine Art Gedächtnisspur gelegt, sodass sich Babys nach der Geburt daran erinnern, was sie im Mutterleib gehört haben.

Melodisch-rhythmische Elemente sind offensichtlich für Kinder der Einstieg in die Sprache. Und wenn sie das hören – haben wir uns gefragt –, dann können sie es vielleicht in ihren eigenen Lauten auch imitieren. Dies ist ja eine durchaus schwierigere Leistung als das Hören.

Über Kathleen Wermke

Wermke promovierte 1986 im Fach Verhaltensphysiologie an der Humboldt-Universität Berlin. Danach spezialisierte sie sich in medizinischer Biologie und Anthropologie am Universitätsklinikum der Humboldt-Universität. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Untersuchung vorsprachlicher Lautäußerungen von Babys und die frühe Sprachentwicklung. Im Juli 2002 habilitierte sich Kathleen Wermke an der Charité im Fach »Medizinische Anthropologie«. 2003 wurde sie an die Julius-Maximilians-Universität Würzburg berufen, um das »Zentrum für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen« (ZVES) an der Poliklinik für Kieferorthopädie aufzubauen und zu leiten.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Musik - die universale Sprache?":

  • 21.11.2016
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 12/2016
  • Seite 30-31

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