Probleme junger Dirigent(inn)en - Schlagtechnik ist nicht alles – es menschelt

  • 21.09.2011
  • Sinfonisch
  • Thomas Doss
  • Ausgabe: 7-8/2004
  • Seite 30-31

Nie war das »Dirigent/in sein« so populär wie heute. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass diese Aufgabe ein gewisses Maß an Selbstverwirklichung bietet. Sie erlaubt es, über die Isoliertheit beim Üben des Instrumentes doch auch einen Kontakt zu Mitmenschen zu finden und zu lernen, mit dem Instrument der eigenen Person und Persönlichkeit besser umzugehen. In dem Augenblick, in dem man aus seinem bisherigen Wirken als Instrumentalist in eine Führungsrolle übergeht, übernimmt man automatisch auch eine immense Verantwortung, die neben einer künstlerischen und musikalischen auch die der sozialen, pädagogischen und gesellschaftlichen Verantwortung darstellt. Man soll, wie es so schön heißt, ein Vorbild sein. Naturgemäß bewältigen dies nicht alle jungen Dirigent(inn)en, da es nicht in jedermanns Natur liegt, eine Führungsrolle zu übernehmen, und weil die Prioritäten nicht immer dort liegen, wo sie liegen sollten.Dies ist zunächst einmal gar nicht zu bewerten, denn einerseits stellt sich erst im Laufe dieser Erfahrung heraus, ob man dazu geeignet ist, andererseits kann und soll es nicht nur Führungspersönlichkeiten geben. Ich glaube, dass jede/r, der/die eine Dirigent(inn)enfunktion übernimmt, in erster Linie (und das muss nicht negativ sein) bewusst oder unbewusst das Selbstwertgefühl stärken will – Selbstverwirklichung und bestätigen des eigenen »Ichs«. Ein Grund für den Boom im Genre des Dirigierens? Ich denke, ein wichtiger Grund und auch eine interessante Entwicklung. Die Gratwanderung bei dieser Frage der Selbstverwirklichung ist sehr sensibel und gefährlich. Die Ausbalancierung zwischen dem gesunden und einem übersteigerten Ego gelingt nicht jedem. Ein so komplexes Thema wie das des Dirigierens verlangt jenen, die dieses Amt ausüben, vor allem viel ab: Einerseits muss man fachlich unantastbar bleiben und eine deutliche Kompetenz und Lernfähigkeit aufweisen. (Das ist wohl eine wichtige Säule für dieses Fach.) Das gilt nicht nur für das handwerkliche Werkzeug der Schlag- und Dirigiertechnik, sondern in erster Linie mal für die überdurchschnittlich Musikalität, die sehr oft vergessen wird. Auf der anderen Seite beobachte ich schon sehr oft, dass dies jungen Dirigent(inn)en zu genügen scheint und sie die menschliche Kompetenz, die pädagogische Kompetenz einfach zu wenig beachten. Sehr oft wird mit der Brechstange gearbeitet – was relativ schnell in Hilflosigkeit endet.Die Faszination, den Musikern einerseits ein musikalisches Ziel authentisch zu zeigen und sie gleichzeitig durch pädagogisches Feingefühl und unendlich viel Psychologie dorthin zu bringen, wo sie letztendlich sein sollen, ist sehr groß und bietet ständig die Chance, uns als Dirigent(inn)en und Menschen weiterzuentwickeln. Wenn man sich für Menschen interessiert, wird dieses Interesse ein Füllhorn an Erkenntnissen sein. Irgendwann wird man erkennen, dass die Arbeit mit Menschen in erster Linie eine Arbeit an der eigenen Psyche und Persönlichkeit ist. Dort liegen sämtliche Antworten und Schlüssel zu einer kontinuierlichen, erfolgreichen Arbeit mit Orchestern. Aus diesem Grund bringt es der Umstand des Alters und der Routine mit sich, dass man die Reife und Erfahrung, die Übersicht und die richtigen Werkzeuge (psychologisch, methodisch . . .) erst durch eine gewisse Routine halbwegs beherrscht. Natürlich kann man sich da und dort viele Tricks abschauen, aber der Musiker, die Musikerin, spürt sofort, ob das abgekupferte Floskeln oder echte Ansätze sind.Geduld muss man haben, da sich viele Probleme in der Probe mit zunehmender Reife in Luft auflösen und plötzlich leicht zu beheben sind. Viele dieser Probleme liegen gar nicht im musikalischen, sondern im zwischenmenschlichen Bereich. Wenn in der Probe etwas nicht so funktioniert, wie man es möchte, wird man es wohl bis zu einem bestimmten Maß akzeptieren müssen und versuchen, das Vorhandene zu fördern. Mit der Brechstange geht ebenso wenig wie mit Hosentaschen-Methodik. Vergessen wir nicht: Hinter dem Instrument sitzt immer ein Mensch, der alles wahrnimmt und in irgendeiner Weise reflektiert – ob durch Blockaden oder durch Motiviertheit.Ebenso wichtig ist die Bereitschaft des Dirigenten/der Dirigentin, im Probenverlauf emotional und vom persönlichen Engagement her alles zu geben. Ab dem Moment, in dem er/sie vorne steht, muss er eine Faszination ausstrahlen. Diese Faszination resultiert aus der Begeisterung für die Musik und den Menschen, die sie zum Erklingen bringen. Diesem Sog der Begeisterung kann man sich nicht leicht entziehen, wenn man als Orchestermusiker/in die richtige Bereitschaft in die Probe mitbringt. Die Ehrlichkeit gegenüber den Musiker(inne)n ist ebenso eine wichtige Nahrung, denn sobald sie der/die Musiker/in vermisst, nimmt man ihm/ihr die Basis, dem Dirigenten/der Dirigentin gerne zu folgen – egal ob jung oder alt.Dass man als Dirigent/in auch eine Autorität sein muss, ist wohl unbestritten. Es muss Regeln geben, die für alle gelten. Es muss eine Linie geben und einen Rahmen, in dem man sich bewegt. Ob das jetzt einen pünktlichen Probenbeginn betrifft, Gleichbehandlung von Musiker(inne)n, Aufmerksamkeit in der Probenarbeit, kein Alkohol bei Probe und Konzert (!!!) – wie dieser Rahmen aussieht, bleibt jedem/jeder zwar selbst überlassen, aber bei einer Arbeit mit einem Kollektiv ist es überlebenswichtig, Grenzen einzuhalten. Viele junge Dirigent(inn)en haben hier nicht immer die nötige Stabilität. Wer sie nicht hat, wird es schwer haben, glaubwürdig zu sein, denn diese Spielregeln kann man nicht erst in der fünften Probe aufstellen. Deswegen: Glaubt an euch und die Sache und vertretet sie, aber respektiert trotzdem die Musiker/innen, stellt euch nie über sie. Bei einem Musikverein sollte es in erster Linie um die Musik gehen. Aber das soziale und gesellschaftliche Miteinander sowie gegenseitiger Respekt sind die Basis für die Musik.In meiner Unterrichtserfahrung habe ich mit vielen Dirigentenschüler(inne)n am Ende ihrer Ausbildung sehr oft diskutiert. Viele meinten, dass dieses Studium in erster Linie ein Psychologiestudium sei und dass sie sich besser kennen gelernt hätten. Durch diese Erfahrung konnten sie in allen Lebensbereichen – ob privat oder beruflich – profitieren. Das war für mich immer ein schönes Resümee, denn ich denke, dass ich dann einen Prozess ausgelöst habe. Deswegen sehe ich diese Ausbildung immer als Zusammenarbeit mit den Student(inn)en. Den persönlichen Freiraum zur eigenen Meinung haben sie von mir ab der ersten Minute, damit sie lernen, damit umzugehen. Eine eigene Meinung zu haben, setzt viel Mut voraus, denn man sollte sie auch vertreten. Seine Meinung soll man aber auch aufgrund von Erkenntnissen und Erfahrungen ändern dürfen.Das Problem bei jungen Dirigent(inn)en ist, dass sie viel zu wenig Möglichkeiten haben, sich Rat zu holen. Und damit meine ich den richtigen Rat, nicht nur schlagtechnische Tricks. Ich möchte deswegen aufrufen, die jungen Dirigent(inn)en zu unterstützen, indem man ihnen Fragen stellt, bevor man ihnen Antworten gibt, und ihnen hilft, wo man nur kann, sie nicht mit der eigenen Meinung zu sehr dominiert, sondern ihnen eine Stütze in den vielen Fragen des Genres ist. Diese Hilfe können nicht nur Kolleg(inn)en, Lehrer/innen oder »große Namen« bieten, sondern auch die eigenen Ensemblemitglieder.Eine wichtige Beobachtung ist: Wie verhalten sich Dirigent(inn)en, wenn sie mal als Spieler/in im Orchester integriert sind? Ein/e gute/r Dirigent/in wird sich immer unterordnen können und somit seinem Kollegen oder seiner Kollegin in der Probe den besten Dienst erweisen. (Dies heißt nicht, dass man sich nicht nach der Probe unter vier Augen im Fachgespräch mal unterhalten kann.) Meine Wahrnehmung war schon oft, dass es gerade umgekehrt ist, dass oft ein/e Dirigent/in vor dem Orchester steht und der/die »besserwissende « Dirigent/in im Orchester sitzt. Nehmen Sie dieses Beispiel als Faustregel und urteilen Sie selbst. Gewiss ist: Jungen Dirigent(inn)en helfe ich so am allerwenigsten.Schlagtechnik hab ich hier bewusst nicht angesprochen, denn es ist wohl nicht nötig zu betonen, dass ohne sie gar nichts geht. Sobald ein Ensemble zur selben Zeit zusammenspielt, beginnen die Probleme. Der beste Schlagtechniker ist aber immer vom Spielverhalten der Musiker/innen abhängig. Denn ob bezahlt oder freiwillig – im Augenblick des Spiels entscheiden die Spieler/innen zwar nicht, was sie spielen, sondern wie sie es spielen. Und da müssen die Dirigent(inn)en ansetzen.

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