Prima Vista - Musik auf den ersten Blick

Dass man als Musiker unbekannte Stücke vor sich auf dem Notenständer hat, ist nichts Besonderes. Wie aber kann man schon beim ersten durchspielen möglichst viel aus einem neuen Stück herausholen? Gute vom-Blatt-Spieler sind hier klar im Vorteil. Aber was heißt vom-Blatt-Spielen überhaupt und wie macht man das eigentlich?

Was bedeutet Vom-Blatt-Spiel überhaupt?

Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer definiert in seinem Buch »Musik im Kopf« (Schattauer Verlag) Vom-Blatt-Spielen als Fähigkeit, Notenschrift unmittelbar in Musik umzusetzen. Vergleichbar ist dieser Vorgang mit dem Lesen von Texten, wobei nicht nur einzelne Buchstaben, sondern ganze Wörter erkannt und wiedergegeben werden. Gute Vom-Blatt-Spieler sind ihren Fingern mit den Augen etwas voraus und können ganze Notengruppen auf einmal erkennen, laut entsprechenden Untersuchungen schauen sie bis zu acht Noten in der Partitur voraus – im Gegensatz zu schlechten Vom-Blatt-Spielern, die jede Note einzeln »buchstabieren«.

Spitzer erklärt außerdem: »Vom-Blatt- spielen gelingt umso besser, wenn die Musik bereits bekannt ist oder zumindest deren Stilrichtung, sodass der Musiker eher voraussehen kann, was als nächstes kommt.« Musikalische Erfahrungswerte können Spitzer zufolge beim Vom-Blatt-Spiel auch dabei helfen, falsche gedruckte Noten automatisch durch die richtigen Töne zu ersetzen. Ähnlich wie beim Lesen von Texten, wenn beispielsweise ein Buchstabendreher gar nicht als Fehler erkannt, sondern direkt korrigiert wird.

Weitere Faktoren, die für das Vom-Blatt-Spiel entscheidend sind, sind die Qualität des Notendrucks und der Beleuchtung. Spitzer unterstreicht das mit folgender Anekdote: »Der Dirigent Herbert Karajan soll sich während seiner Orchesterproben immer wieder darüber gewundert haben, warum das Orchester an einer ganz bestimmten Stelle seine Geschwindigkeit steigerte. Die genaue Inspektion der Partitur ergab, dass der Verleger an genau dieser Stelle die Noten etwas enger zu­sammengerückt gedruckt hatte, um einen optisch ansprechenderen Seitenumbruch zu erlangen. (Vaughan 1986, S. 209)«

Wie lernt man die Kunst, vom Blatt zu spielen?

Für das Vom-Blatt-Spiel ist also nicht die Schärfe des Auges maßgeblich entscheidend, sondern vielmehr die musikalische Erfahrung. Es handelt sich also um eine Fähigkeit, die jeder Instrumentalist erlernen und trainieren kann. »Sight-Reading« ist der Titel einer Reihe von John Kember, die im Schott Verlag erschienen ist und das Vom-Blatt-Spiel für sämtliche Instrumente (aber auch für Gesang) methodisch angeht. Kember bietet damit eine Übetechnik, mit der schon frühzeitig die grundlegenden Fähig­keiten zum Erlernen des Vom-Blatt-Spiels vermittelt werden.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Das Musizieren und die Augen":

  • 16.08.2016
  • Schwerpunktthema
  • Cornelia Härtl
  • Ausgabe: 9/2016
  • Seite 38-39

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