Oberst Christoph Lieder im Gespräch

  • 30.09.2016
  • Szene
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 10/2016
  • Seite 46-49

In den vergangenen Jahren hat sich eine kleine Tradition entwickelt, den Leiter des Militärmusikdienstes der Bundeswehr zur »Lage der Musiknation« zu befragen. Nach der Pensionierung von Oberst Dr. Michael Schramm hat Oberst Christoph Lieder die Rolle als »oberster Kapellmeister der Bundeswehr« übernommen. Wir trafen ihn in Bonn.

Oberst Lieder, Sie sind nun etwas über 100 Tage im Amt. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Der Übergang von Dr. Schramm zu mir ist ziemlich geräuschlos erfolgt. Ich habe einen wirklich gut funktionierenden Militärmusikdienst und vor allem ein sehr gutes Team übernommen. Das meine ich nicht nur auf das Zentrum Militärmusik bezogen, sondern auf den gesamten Militärmusikdienst. Das allerdings braucht man auch, um diese vielfältige Aufgabe erfüllen zu können. Diese stellt mannigfaltige Anforderungen – in fachlicher Hinsicht, aber auch in psychischer und physischer.

Derzeit bin ich dabei, alle Musikeinheiten zu besuchen. Ich möchte mich persönlich vorstellen und mir ein Bild verschaffen. Wie funktioniert die Dienststelle? Wie arbeitet der jeweilige Führungskreis? Meine Zwischenbilanz lautet: Überall, wo ich bisher war, bin ich auf einen sehr erfreulichen Leistungsstand und motivierte Teams gestoßen. Ich möchte auch erkennen, wie mein Stab und ich die Musikkorps unterstützen können. Wir betrachten uns hier im Zentrum vor allem auch als Dienstleistungszentrum. Wir wollen den Musikkorps so viel Service wie möglich bieten und diesen so viel abnehmen, wie wir können.

Wir möchten zu einer Optimierung beitragen, denn die Musikkorps sind ja seit kurzem truppen- und fachdienstlich dem Zentrum unterstellt. Diese Bündelung ist neu und da geht es natürlich auch um eine menschliche Komponente. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen. Fachdienstlich waren wir ja schon früher zuständig. Jetzt sind wir von der Personalbearbeitung über die Logistik und die IT bis hin zur Musikeinsatzsteuerung verantwortlich. Alles landet hier in Bonn auf dem Tisch. Und da ist gegenseitiges Vertrauen wichtig. Unsere Soldatinnen und Soldaten sollen möglichst verstehen, was wir hier machen und die Entscheidungen mittragen.

Und wo drückt der Schuh?

Ziemlich zeitnah mit meinem Dienstantritt gab es in der Bundeswehr eine große Veränderung. Es wurde zum 1. Januar 2016 eine Soldatenarbeitszeitverordnung eingeführt. Damit verbindet sich ein Paradigmenwechsel. Über Jahrzehnte war es in der Bundeswehr so, dass der Auftrag die Zeit bestimmt hat. Jetzt hat die Zeit einen wesentlichen Einfluss auf den Auftrag. Es sind nun Höchstgrenzen der wöchentlichen Arbeitszeit festgelegt; es sind Ruhezeiten festgelegt, die zwischen zwei Tagesdiensten einzuhalten sind – solche Dinge.

Wir sind hier in einem Fachdienst, der sehr stark von ständig wechselnden Dienstzeiten und Einsatzorten geprägt ist. Wir haben es mit einer regen Reisetätigkeit zu tun und vielfachem Dienst in den Abendstunden oder an Wochenenden. Grundsätzlich ist das eine sehr begrüßenswerte Entwicklung, die der Attraktivität und dem Gesundheitsschutz unserer Soldatinnen und Soldaten dient. Unser Ziel ist es jetzt, den Gesundheitsschutz mit dem professionellen künstlerischen Anspruch in Einklang zu bringen.

Sie kennen das Zentrum Militärmusik zwar schon länger – dennoch: Mit welchen Gefühlen sind Sie an Ihrem ersten Tag als Leiter hier hereingekommen?

Im September 2015 wurde die Personalentscheidung verkündet. Da habe ich mich natürlich riesig gefreut. Mit solch einer Aufgabe kann man viel bewegen und gestalten und bekommt viel Verantwortung. Als dann der Tag X gekommen war, hatte ich schon das Gefühl: Da hängt man dir jetzt einen großen und schweren Rucksack auf die Schulter.

Diese große Verantwortung zu übernehmen, war für mich geradezu körperlich spürbar. Ich hatte allerdings von Anfang an auch das Gefühl, dass ich diesen Rucksack tragen kann. Die Frage, die ich mir damals gestellt habe und die ich mir heute noch stelle, ist: Wie sieht die Wegstrecke aus? Ist sie ansteigend und anstrengend? Ist sie ebenerdig? Oder gar leicht abschüssig?

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