Noch eins drauf gesetzt - Klarinette von W. Schreiber »D13«

  • 24.11.2011
  • clarino.test
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 12/2011
  • Seite 18-20

Es war lange unruhig in Nauheim bzw. Markneukirchen. Die Wellen schlugen erst richtig hoch, als die Firma Schreiber & Keilwerth pünktlich zur Musikmesse 2010 Insolvenz anmelden musste. Eine Phase der un­ruhigen See mit Ungewissheit für viele Mitarbeiter endete schließlich etwa ein halbes Jahr später in einem französischen Hafen. Die Buffet-Crampon-Gruppe aus Paris kaufte den angeschlagenen Instrumentenhersteller auf und führt die Marke W. Schreiber weiter. Endlich war wieder Zeit und Kraft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: den In­stru­menten­bau. Denn von der Klarinetten-Fertigung verstehen die Mitarbeiter bei W. Schreiber so einiges. Auch heute noch, wie der Test der vorliegenden Klarinette »D13« beweist. 

Eine der besten und etabliertesten Kinderklarinetten – nämlich die »D12« – kommt aus dem Hause W. Schreiber. Das ist für die Firma, die zu 100 Prozent im Vogtland produziert, kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Die Firmen-Homepage verrät die Philosophie: »Um den höchsten musikalischen Ansprüchen zu genügen, werden die Klarinetten von Schreiber ständig weiterentwickelt und alle klanglichen und technischen Faktoren regelmäßig auf ihre Qualität geprüft.« So ist es nur logisch, dass auch Bewährtes wie eine Kinderklarinette auf den Prüfstein kommt. Herausgekommen ist die vorliegende »D13«. Doch da stellt sich zunächst die Frage, für wen das Testinstrument gedacht ist. Die Produktbeschreibung gibt Aufschluss: »Mit ihrer engeren Mechanik liegt sie ausgesprochen angenehm in der kleineren Hand und wartet nur noch darauf, angespielt zu werden.« Die »D13« bringt »die wahre Spiel­freude für kleinere Hände!«. Bei der Beschreibung liegt es nahe, das In­stru­ment für eine Kinderklarinette zu halten. Doch da wider­spricht der handwerk­liche Tester ­Matthias Rüdiger energisch: »Das ist nicht ›nur‹ eine Kinderklarinette, das ist ein vollwertiges Instrument!« Und auch die Praxis-Testerin Martina Beck findet, dass das ­Instrument durchaus Begleiter für mehrere Jahre sein kann. Natürlich sei es besonders für kurze und kleine Finger geeignet, was dann für den Anfängerunterricht spricht, doch das Instru­ment dürfte durchaus Einzug in den Musikverein erhalten. Wenn der Spieler oder die Spielerin mit der engeren Mechanik besser zurechtkommt – warum auch nicht? Klanglich ist die Klarinette ­ohnehin über ­jeden Zweifel erhaben – aber dazu später mehr.

Der erste Eindruck nach dem Auspacken des Kartons ist positiv. Ein sehr schönes Rucksacketui kommt da zum Vorschein. ­Optisch ansprechend und überaus zweckmäßig ist es aus Nylon gefertigt. Die Reißverschlüsse scheinen sehr stabil. Für eine Klarinette wirkt es zwar zunächst sehr groß, doch der Vorteil davon liegt auf der Hand:

Es passt viel rein. Und es ist sehr leicht. Vor allem für Schüler, die ja unter Umständen noch mehr zu tragen haben, ist es von Vorteil. Putzzeug, Noten und vielleicht sogar der Notenständer finden hier Platz. Und durch die Rucksackgurte lässt sich das alles bequem tragen. 

Zwei zusätzliche »Spielereien« haben die Tester entdeckt. Auf der rechten Seite befindet sich ein kleines Loch, das mit einem Kopfhörer-Symbol gekennzeichnet ist. Hier kann man das Kabel des Kopfhörers hindurchstecken, um es mit einem mp3-Player im Innern zu verbinden. Die Klarinette hört man dann aber noch nicht. Ebenfalls an der Seite ist zudem eine Handytasche angebracht. Bleibt nur zu hoffen, dass die Klarinettenschüler dann kein iPhone haben – dafür nämlich ist die Tasche zu klein.

Im Lieferumfang sind neben dem Etui noch ein Wischer, Korkfett, Blatt AW2 sowie ein gutes Mundstück (W5A von ESM) enthalten. Zur Ausstattung zählen zudem zwei Birnen (52 und 54 mm).

Der Korpus besteht aus ausgesuchtem, hochwertigem Grenadillholz. Das Material bekommt von Matthias Rüdiger ein glattes »sehr gut«. Allerdings ist das nicht wirklich überraschend, denn seit jeher verwendet Schreiber für alle Modelle ausschließlich sorgfältig abgelagertes Grenadillholz. Dieses hochwertige Holz wird in einem Spezialverfahren imprägniert und ist so gegen Feuchtigkeit und Rissbildung geschützt. Ein hochpräzises Bearbeitungsverfahren gewährleistet die Gleichmäßigkeit und Maßgenauigkeit von Korpus und Tonlochnetz. W. Schreiber verpflichtet sich und gewährt allen Modellen fünf Jahre Garantie gegen Rissbildung. Auch beim Zusammensetzen wird die Genauigkeit deutlich, denn die Zapfen passen perfekt ineinander.

Die Mechanik besteht aus Neusilber versilbert und verfügt über alle nötigen Klappen. Die Klarinette hat nämlich 20 Klappen (6 Ringe) und ist somit die erste Kinderklarinette dieser Art auf dem Markt. Das Oberstück verfügt über drei Ringe und vier Triller, das Unterstück über drei Ringe. Die »D13« ist zudem ausgestattet mit F-Heber und B-Klappe. Negativ fällt lediglich auf, dass die Klappen zwar gut liegen, der Kraftaufwand aber recht hoch ist, um manche Tonlöcher zu schließen. Manche Federn sind schlichtweg zu stark für Kinder. Punktabzug gibt es zudem beim f2. Hier schlägt – je nachdem ob man die Klarinette senkrecht oder waagrecht spielt – Metall auf Metall. Außerdem ist der Gang beim Cis/Gis »etwas zu weit«, wie Matthias Rüdiger anmerkt.

Sonderlob erhält der verstellbare Daumenhalter – doch leider wurde auf den Haltering für den Gurt verzichtet. Gerade für Kinder könnte das von Vorteil sein.

Die Dichtigkeit verlangt laut Matthias Rüdiger einige Verbesserungen, denn die tiefsten drei Polster decken nicht optimal.

Insgesamt ist die Mechanik aus ergonomischer Sicht sehr sinnvoll für kleine Hände. Sie ist deutlich enger gesetzt und hervorzuheben ist, dass das Loch für den Ringfinger links seitlich etwas versetzt ist. Die Mechanik liegt angenehm in der kleineren Hand. Es gibt ja diesen Witz, warum Frauen so ­kleine Hände haben. In diesem Fall hat die Antwort nichts mit Putzen zu tun, sondern sie lautet: Damit sie besser »D13« spielen können. Martina Beck kam mit dem Greifen der Mechanik besser klar als Matthias Rüdiger, wonach jener aber auch zugibt: »Mein Wohlfühlfaktor ist da mal unerheblich.«

Der erste Eindruck von einem Instrument kann täuschen, denn die Eigenheiten stellen sich erst nach einer gewissen Kennenlernphase heraus. Das ist vor allem bei Holzblasinstrumenten zu beachten, weil bei den Musikwerkzeugen aus organischem Material eine längere und sachverständig durchgeführte Einspielzeit nötig ist. Dennoch kann bereits nach sehr kurzer Zeit eine Einschätzung über ein Instrument abgegeben werden, denn eine unbrauchbare Klarinette wird auch durch fachmännisches Einspielen kein Solistenmodell. Die vorliegende »D13« erhält von der Testerin Martina Beck beim »spontanen Wohlfühlfaktor« ein »gut«. Sie kommt also schnell damit klar. Das liegt an der leichten Ansprache, die über alle Lagen »sehr gut« bis »gut« bleibt. 

Die schöne Intonation und der schöne Klang kommen gut weg, schlechte Töne sind nicht vorhanden – auch das ist ein Grund, warum das Instrument auch für den fortgeschrittenen Musiker eine lohnende Anschaffung sein dürfte. Für hervorragende Ansprache und ausgezeichnete Klangprojektion bei den Klarinetten von Schreiber sorgen auch der spezielle Bohrungsverlauf und die unterschnittenen Tonlöcher. 

Fazit

Die Schreiber »D13« bekommt von beiden Testern eine Empfehlung – vor allem für Spieler mit kleinen Händen. Die »D13« kommt definitiv als Einstiegsmodell infrage, meint Martina Beck. Und Matthias Rüdiger fügt hinzu: »Schreiber hatte bislang mit der ›D12‹ ohnehin schon eine der besten Kinderklarinetten, setzt mit der vollwertigen ›D13‹ noch eins oben drauf. Sehr gelungen.«

Die Tester

Martina Beck studierte Schulmusik sowie Klarinette (bei Hermann Haege) an der Universität bzw. Musikhochschule Freiburg im Breisgau. Für den Studiengang Orchestermusik wechselte sie im Jahr 2001 nach ihren Examina an die Stuttgarter Musikhochschule zu Prof. Norbert Kaiser. Es folgten Substitutenstellen bei der Neuen Philharmonie Westfalen (Recklinghausen/Gelsenkirchen) und beim Gürzenich-Orchester (Köln). Von 2004 bis 2008 war sie als Klarinettistin und Bassklarinettistin im Frankfurter Museumsorchester tätig, seit November 2008 ist sie Bassklarinettistin an der Bayerischen Staatsoper in München. Zudem unterrichtet sie als Dozentin für Bassklarinette an der Musikhochschule Detmold.

Matthias Rüdiger erhielt seine Ausbildung in Klarinette und Saxofon, spielte in Blasorchestern, Bigbands, Tanzmusik und Pop/ Rock (unter anderem im Landesjugend- Jazzorchester Hessen). Er hat langjährige Erfahrungen als Saxofonlehrer und genoss 1987 eine Ausbildung zum Holzblasinstrumenten macher bei Julius Keilwerth. Seit 1991 hat er eine eigene Reparaturwerkstatt, seit 1997 den Musikladen »Rüdigers Sax Service« mit integrierter Fachwerkstatt in Rodgau und seit Kurzem betreibt er in Hofheim/Taunus die »Musikwerkstatt«. Parallel ist er als Saxo fonist in verschiedenen Formationen unterwegs.

« zurück