Nervus facialis: Osteopathie als mögliche Lösung von Ansatzstörungen

Nervus facialis (Grafik: Patrick J. Lynch, Wikipedia/medical illustrator Lizens: CC BY 2.5 de.wikipedia.org/wiki/Nervus_facialis)

In diesem Beitrag soll das Thema »Störungen bei Bläsern« mit der ­Osteopathie in Verbindung gebracht werden. Anders als bei der »Ansatzdystonie bei Bläsern«, wo der Impuls aus dem Gehirn vermutet wird und eine Fehlsteuerung der Gesichts­muskulatur nach sich zieht, soll hier aufgezeigt werden, dass auch die Leitbahnen selbst durch eine mechanische Ursache zu einem unharmonischen Muskelspiel – also zu Ansatzstörungen – führen können.

Der Gesichtsnerv Nervus facialis

Gemeint ist der Gesichtsnerv »Nervus facialis«, der VII. Hirnnerv, der für die mimische Gesichtsmuskulatur verantwortlich ist. Wir kennen alle die herabhängende ­Gesichtshälfte bei einem geschädigten ­Facialisnerv als Folge eines Schlaganfalls. Auch kleine bzw. kleinste Kompressionen des Nervus facialis sind für Bläser eine Katastrophe, worauf mit dieser Beschreibung hingewiesen werden soll.

Die meisten Menschen gehen davon aus, dass der Kopf eine feste Schädelstruktur hat und der Nervus facialis in seinen Gängen vor einer Komprimierung geschützt ist. Die Osteopathie geht davon aus, dass der Schädel nicht als ein Gesamtknochen zu sehen ist, sondern aus 22 einzelnen Knochenteilen plus sechs Gehörknöchelchen zusammengesetzt wird, die durch die ­Suturen (Nähte) miteinander verbunden sind. Wie ein Fliesenboden, der bestimmte Dehnungsfugen benötigt, um eine gewisse Bewegungstoleranz aufzufangen. 

Durch äußerliche Einwirkungen (zum Beispiel Sturz, Schlag, Zahn-OP) kann nun dieses Gebilde aus 22 + 6 Knochen in eine mini­male Schieflage geraten, wie es auch bei einem Beckenschiefstand schon bekannt ist. Wenn dieser Zustand bestehen bleibt, werden nach und nach bläserische Probleme für den professionellen Bläser spürbar. 

Mit dieser Betrachtungsweise können wir Bläser verstehen, dass der Nervus facialis an seinen Durchtrittsstellen komprimiert werden kann und somit eine große Gefahr für das künstlerische Spiel auf einem Instrument darstellt. 

Minimale Störungen mit katastrophalen Auswirkungen für Blechbläser

Falls nun durch eine äußere Einwirkung so eine minimale Spannungsveränderung bewirkt wurde und dieser Zustand bleibt, kann die Leit­fähigkeit der Nerven dadurch geschwächt werden. Dies kann so minimal sein, dass der Neurologe zunächst keinerlei Auffälligkeiten feststellt, der Berufsbläser aber seine Existenz massiv bedroht sieht. 

Die mühsam erarbeitete Fein­motorik, die sich jeder Musiker erwerben muss und bei Blechbläsern diese Feinmotorik in der gesamten Gesichtsmuskulatur, insbesondere im Lippenbereich, erarbeitet wurde, wäre gestört. Egal, welcher Muskel im Gesichtsbereich minimale Störungen hat, es wird sich immer im Ringmuskel des Mundes bemerkbar machen. 

Solch eine minimale Störung hat für einen Blechbläser katastrophale Folgen, die er sich nicht erklären kann. Bei einem Blechbläser deshalb, weil die Tonproduktion ausschließlich von der Feinmotorik sämtlicher Gesichtsmuskeln abhängig und die Lippenmuskulatur als Ansatzergebnis dieser Gesichtsmuskeln als Schwingungserzeuger tätig ist. 

Bei Holzbläsern, abgesehen von der Flöte, wird die benötigte Schwingung von einem Rohr oder Blatt hervorgerufen, was die Störungsempfindlichkeit mindert.

  • 18.12.2018
  • Praxis
  • Hans-Jürgen Von der Wöste
  • Ausgabe: 11/2018
  • Seite 12-13

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