Mythos Vinyl: Das vor-digitale Hören

Manch einer definiert sich über seine Automarke oder sein Handymodell. Das persönliche Profil des Vinylsammlers ist da doch wesentlich komplexer und facettenreicher, denn es ergibt sich aus dem individuellen Mix vieler Einzelelemente: der persönlich erworbenen Schallplatten. Eine Plattensammlung ist wie eine kleine Biografie ihres Besitzers.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schrieb der französische Philosoph Paul Valéry: »Wie Wasser, Gas und elektrischer Strom von weit her auf einen fast unmerklichen Handgriff hin in unsere Wohnungen kommen, um uns zu bedienen, so werden wir mit Bildern oder mit Tonfolgen versehen werden, die sich, auf einen kleinen Griff, fast ein Zeichen, einstellen und uns ebenso wieder verlassen.« Das war eine erstaunliche Zukunftsvision – und ist doch schon wieder überholt.

Musik im Zeitalter der technischen Allverfügbarkeit

Nahezu jede Musikaufnahme, die jemals gemacht wurde, ist für uns heute per Streaming jederzeit und praktisch ohne Verzögerung abrufbar. Und das nicht nur »in unseren Wohnungen«, sondern überall, in der Arbeit und in der Freizeit, unterwegs in der Eisenbahn, auf dem Fahrrad, beim Wandern oder Joggen.

Alles, was man dafür braucht, ist ein smartes Telefon oder irgendein anderes Gerät mit drahtlosem Internetzugang. Musik, Literatur, Medien, Kommunikation – sie sind dank ihrer Übersetzung in digitale Daten wesentlich präsenter geworden als Wasser und Steckdose. Um Walter Benjamin zu variieren: Wir erleben die Musik im Zeitalter ihrer technischen Allverfügbarkeit.

»Das Hören von Musikkonserven wurde zelebriert«

Was für ein Gegensatz ist das zu früheren Jahrhunderten, als Musik nur erklingen konnte, wenn Musiker aus Fleisch und Blut zugegen waren, um sie zu spielen! Kein Wunder also, dass Musikautomaten (zum Beispiel Flötenuhren, Spieldosen, Orchestrien, Selbstspielklaviere) die Menschen immer besonders fasziniert haben.

Als Konsequenz folgte um 1900 der abspielbare analoge Tonträger, der rund 100 Jahre lang unseren Musikkonsum prägen sollte – als Musikwalze aus Wachs oder Zelluloid, als Schallplatte aus Schellack oder PVC (»Vinyl«). Das Kapitel »Fülle des Wohllauts« in Thomas Manns Roman »Der Zauberberg« gibt eine Vorstellung davon, mit welcher geradezu rituellen Feierlichkeit das Publikum um 1920 die Wunder des Grammofons erlebt hat.

Das Hören von Musikkonserven geschah nicht nebenbei, sondern wurde zelebriert. Man lud sich Gäste ein, kleidete sich wie zum Konzert, setzte sich in den Salon und genoss schweigend und ergriffen die geisterhaft dünnen, knisternden Klänge aus dem Trichter. Das Anhören von Tonaufnahmen war etwas Besonderes und Festliches. Man tat es selten. Man hörte anders.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Digitale Medien: Segen und Fluch in der Musik":

  • 22.02.2017
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 3/2017
  • Seite 40-41

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