Mythen und Legenden - »Aus dem Reiche des Pan« von Paul Graener

  • 21.09.2011
  • spielBAR
  • Andrew Noah Cap
  • Ausgabe: 12/2010
  • Seite 14-15

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Welt der Musik in einer Aufbruchstimmung. Zahlreiche Komponisten brachen endgültig mit den Festen der Spätromantik und deren kompositorischen Regeln, während andere diese zu weiten suchten, immerfort die Grenzen auslotend, auf der Suche nach neuen Klangvorstellungen, neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Gershwin etwa verband neueste musikalische Strömungen der Popularmusik, den Jazz, mit großer Sinfonik. Strawinski gab musikalische Durchführung und Funktion zugunsten seiner klanglichen Vorstellungen auf. Schönberg löste sich vom tonalen Zentrum, Ravel überwand Form und Struktur. Es war eine Suche nach neuen Möglichkeiten, emotionalen Ausdruck – ohne das als zu eng empfundene Korsett musikalischer Gesetzmäßigkeiten – in Klang zu verwandeln, was letztlich einen Komponisten dazu bewog, die Frage zu stellen: »Musik, wohin...?«

Mythen und Legenden spielten bei der Schaffung orchestraler Werke immer schon eine Rolle, aber Anfang des 20. Jahrhunderts erlebten sie eine Blütezeit. Neben großen literarischen Werken wie Strauss’ »Zarathustra« erblickten bald vielerlei Gottheiten vergessener Kulturen, angespornt durch den neuen Sport der Nationen, der Archäologie, erneut das Licht der Welt. So ist es nicht verwunderlich, dass sich zu Gustav Holsts Götterreigen (»Die Planeten«) alsbald auch ein Hirtengott, halb Mensch, halb Tier, gesellt: Paul Graeners »Pan«.»Aus dem Reiche des Pan« ist eine Suite in vier Sätzen für großes Orchester aus dem Jahre 1920, das sich aufgrund ihres inhaltlichen Aufbaus in die Gattung der Tondichtungen einreiht. Auffällig ist, dass das gesamte Werk dem Zeitgeist entsprechend keine Tonartvorzeichnung hat. Dies ist nicht weiter verwunderlich, will Graener doch die Bindung zu einem tonalen Zentrum minimieren. Durch alle vier Sätze hindurch umweben sich Melodielinien in Halbtongefügen, mal solistisch, einander ergänzend, mal vom ganzen Orchester gestützt, durch eine Welt an Klangcollagen, frei entfaltend, scheinbar ohne jeden Bezug zu einem Zentrum. Es ist eine in sich ruhende, mystisch anmutende Welt, die – alsbald dem Ohr schmeichelnd – ihre Erfüllung oft erst im Schlussakkord erfährt.

Infos: www.kistnerundsiegel.de

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