Mut und Freiheit: Frank Gratkowski über Improvisation

Als Improvisation wird die Form musikalischer Darbietung verstanden, weiß das allwissende Lexikon Wikipedia, »in der das ausgeführte Tonmaterial in der Ausführung selbst entsteht und nicht vorher schriftlich fixiert worden ist«.

Die Anforderungen, die die Improvisation an einen Ausführenden stellt, sind die (technische) Beherrschung des jeweiligen Instruments, die Beherrschung der dem jeweiligen Stil entsprechenden musikalischen Parameter und ihrer Gesetzmäßigkeiten sowie das Potenzial, damit kreativ umzugehen. »Das kann ich nicht«, hört man Musiker klagen. Aber: Jeder kann das! Wir sprachen mit Frank Gratkowski.

CLARINO: Mit der Improvisation tun sich manche Musiker schwer. »Das kann ich nicht…« heißt es oft. Warum eigentlich hat mancher Musiker Hemmungen?

Weil ihnen der Mut fehlt, sich selbst zu vertrauen. Beim Notenspiel lässt sich ein Urteil meist auf das Handwerkliche beschränken, was die Persönlichkeit des Interpreten weniger angreift. Improvisiert der Musiker, wird er auch zum Komponisten und es kommen persönliche Dinge wie Geschmack und Ästhetik ins Spiel. Damit wird er auch persönlich angreifbarer. Ab einem gewissen Niveau sehe ich aber zwischen Interpretation und Improvisation kaum noch einen Unterscheid, was das Einbringen der Persönlichkeit betrifft.

Was bedeutet denn Improvisation eigentlich genau?

Das Wort Improvisation stammt vom lateinischen »providere« = vorhersehen – und vom verneinenden Partizip dazu »improvido« = unvorhergesehen, unerwartet. Es bedeutet also, im Moment, spontan eine Entscheidung zu treffen bzw. zu handeln. In der Musik ist die Improvisation für mich ein Teilaspekt der Komposition. Ich komponiere »instantly / on the fly« und kann nichts revidieren. Um gut zu improvisieren habe ich sehr viel Komposition studiert.

Kann man Improvisation lernen? Be­ziehungsweise kann das prinzipiell jeder?

Jeder kann und improvisiert tagtäglich. Die meisten Leute sind sich dessen nur nicht bewusst. Eine schöne Geschichte zum Unterschied von Komposition und Improvisation habe ich einmal von dem Pianisten, Improvisator, Interpreten und Komponisten Frederic Rzewski gehört: »Du willst über die Straße gehen, drückst die Ampel, wartest bis Grün ist und gehst los – das ist die Komposition. Dann siehst du einen Lkw um die Ecke kommen, der dich nicht sieht, und du springst zur Seite – das ist die Improvisation. «

Ich glaube alles, was man zum Improvisieren braucht, ist etwas Selbstvertrauen, sich Unbekanntem hinzugeben, seinem Instinkt zu folgen und einfach zu tun, ohne zu sehr darüber nachzudenken. Gute Improvisation – eigentlich Musik machen per se – hat viel mit Meditation zu tun. Irgendwann erreicht man (zumindest manchmal) den Zustand, in dem ES spielt.

Frank Gratkowski

SWR-Jazzpreisträger und langjähriger Dozent für Klarinette/Saxofon der Kölner Musikhochschule sowie Mitbegründer des Multiple Joyce Orchestra, wird beim multiphonics festival ein Highlight mit seiner spektakulären Solo-Show setzen. Seit den frühen neunziger Jahren entwickelt er seine Soloarbeit kontinuierlich auf der Grundlage von Improvisation und bedient sich hierbei unterschiedlichster Mittel. Entscheidender Bestandteil ist die experimentelle Klangerforschung der Klarinette. Gratkowski spielte auf nahezu allen großen deutschen Jazzfestivals, sowie auf zahlreichen internationalen Jazz/Neue-Musik Festivals. Seit 1999 unternimmt er mit seinem Soloprogramm »Artikulationen« jährlich ausgedehnte Konzertreisen in die USA und in Kanada.

  • 23.06.2015
  • Praxis
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 7-8/2015
  • Seite 16-18

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