Musikphysiologie für Dirigenten: Immer in Bewegung

Foto: Alexandra Türk-Espitalier

Atemübungen, effektives Üben, Körperarbeit und Prävention sind klassische Themen der Musikphysiologie für Instrumentalisten und Sänger. Aber wie stark werden dabei eigentlich die Bedürfnisse von Dirigenten berücksichtigt? Schließlich müssen sie mit der Leitung eines ganzen Orchesters Höchstleistungen auf verschiedensten Ebenen erbringen. Wie kann die Musikphysiologie Dirigenten im körperlichen, organisatorischen und durchaus auch im musikalischen Bereich unterstützen und wie können Dirigenten ihre Führungsposition positiv auch für die Gesundheit ihrer Musiker nutzen?

Mannigfaltige Anforderungen beim Dirigieren

Gestern noch in der Carnegie Hall den Applaus genossen, heute ein Konzert im Goldenen Saal in Wien und morgen geht es nach Tokio. Die großen Stardirigenten scheinen ein unerschöpfliches Energiereservoir zu besitzen. Sie kennen offenbar keinen Jetlag oder die üblichen Reisebeschwerden wie Rückenschmerzen durch unbequeme Hotelbetten und enge Flugzeugsitze.

Im Gegenteil, sie arbeiten trotz aller Strapazen immer hochkonzentriert und das ein Leben lang bis ins hohe Alter. Ist Dirigieren also ein Jungbrunnen, hält es uns gesund? Oder fordert es doch irgendwann einen gesundheitlichen Tribut?

Die Antwort liegt selbstverständlich wie so häufig in der Mitte. Tatsache ist, dass die Anforderungen, die an Dirigenten gestellt werden, mannigfaltig sind und man sich sein Leben und seine Arbeit in diesem Beruf sehr bewusst einteilen muss, um alles effizient zu bewältigen und selbst dabei gesund zu bleiben.

Auf der anderen Seite gibt einem die Gestaltung von Musik zusammen mit anderen Menschen so viel Energie, dass einen ein erfolgreiches Konzert mit dem eigenen Orchester lange Zeit tragen kann.

Die Anforderungen beim Dirigieren (es wird hier bewusst das Wort »Belastung« vermieden) können grob in die Bereiche musikalischer Inhalt/Interpretation, Körper/Bewegung, Psychologie/Kommunikation und Organisation aufgeteilt werden. Die Interpretation der Dirigenten soll hier nicht behandelt werden, ebenso wenig wie die Kommunikation, die in das Gebiet der Musik­psychologie fällt.

Bei vielen Themen jedoch, die Bewegungsabläufe und die Organisation betreffen, können Übungen und Lösungsansätze aus der Musikphysiologie hilfreich sein.

Bewegungsapparat beim Dirigieren

Dirigenten sind ständig in Bewegung. Auch wenn sie in den Proben häufig sitzen, um Kraft zu sparen, steht ihr Körper dennoch nie still. Wie auch, schließlich müssen sie mithilfe von Gestik und Bewegungen ihre Interpretation des Werks dem Orchester vermitteln.

Beim Dirigieren dienen alle Bewegungen dem musikalischen Ausdruck. Die Grundlage ist das Anzeigen des Taktes und Tempos durch die Schlagtechnik, die aber vom reinen Bewegungsablauf her nicht besonders komplex ist. E

rst das Darstellen von Musik und der Ausdruck mit dem Körper und den Händen macht das Dirigieren zu einer Herausforderung. Das bedeutet, dass der gesamte Bewegungsapparat reibungslos und vor allem ohne nachzudenken funktionieren muss. Hier liegt ein gewisser Unterschied zu Instrumentalisten vor.

Deren Spielhaltung wird vom Instrument vorgegeben, ist in ihrer Grundform immer gleich und kann nur geringfügig variiert werden. Diese körperliche Zwangshaltung kann zu Beschwerden führen, da der Körper wenig Abwechslung bekommt.

Beim Dirigieren fällt eine einheitliche äußere Haltung weg. Je nach der Stelle im Stück stehen Dirigenten gerade oder gebeugt, krumm, verdreht, nach oben gereckt, in den Knien oder auf den Zehenspitzen, tänzelnd oder rigide, mit fließenden oder kantigen Bewegungen. Das Repertoire an Positionen und Bewegungsabläufen ist so unerschöpflich wie die Musik selbst.

  • 23.08.2019
  • Schwerpunktthema
  • Dr. Alexandra Türk-Espitalier
  • Ausgabe: 9/2019
  • Seite 39-41

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