Musikgeschmack braucht sprachliche Vermittlung

Wenn wir ein Musikstück zum ersten Mal hören und davon sofort gepackt, fasziniert und begeistert sind – wunderbar! – Aber selbstverständlich ist das keineswegs. Eine vermittelnde Begleitung von Musik – durch Vorträge und Texte – kann dem Hörer den richtigen Weg weisen.

Wir würden nicht erwarten, dass jemand, der zum ersten Mal ein Gemälde von Picasso sieht, spontan und augenblicklich zum Picasso-Fan wird. Künstlerischer Geschmack muss wachsen und lernen und informiert werden. Wenn wir erst einmal verstehen, wie Picasso gearbeitet hat, welche gestalterischen Phasen er durchlief, in welchem kulturellen Umfeld er wirkte, über welches Spektrum an Ausdrucksformen er verfügte und was er sich bei seinen Bildern gedacht hat – dann können wir seine Kreativität mit ganz anderen Augen betrachten. Dann wissen wir erst, was es auf seinen Bildern zu sehen und zu entdecken gibt.

Geschmack muss erst entwickelt werden

Dasselbe gilt sogar in jenem Bereich, aus dem die Metapher vom »Geschmack« entliehen ist: bei der Ernährung. Unsere Vorlieben beim Essen und Trinken ändern sich ein Leben lang. Auch wenn einige Favoriten von Dauer sein mögen, gibt es Speisen und Getränke, für die wir erst allmählich Geschmack entwickeln müssen.

Zum Beispiel kommt niemand als kompetenter Weingenießer oder Weinkenner zur Welt. Wer zum ersten Mal bewusst ein Glas Wein trinkt, ist in Sachen Weinkunde noch völlig ahnungs- und orientierungslos. Deshalb gibt es Weinseminare und Kellereiführungen, Weinguides und Weinmagazine. Dort lernt man, Weine nach Farbton und Farbtiefe zu unterscheiden, ihr Bukett zu beschreiben, ihren Geschmack und ihren Abgang wahrzunehmen.

Wer zum ersten Mal Wein trinkt, verfügt noch nicht über solche Kriterien und kann die Qualitäten des Weins weder erkennen noch benennen noch beurteilen. Was es an einem Wein zu entdecken gibt, was einen Wein interessant machen könnte, bleibt ihm verborgen.

Begreifen durch Begriffe

In der Musik ist es nicht anders. Um die Besonderheiten einer Musik zu goutieren, müssen wir diese Besonderheiten erst einmal zur Kenntnis nehmen. Geschmack und Kompetenz in musikalischen Dingen müssen entwickelt und dann immer weiter verfeinert werden.

  • 01.04.2016
  • Praxis
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 4/2016
  • Seite 12-13

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