Musikerziehung und musikalische Praxis

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Musik ist allgegenwärtig! Sie begleitet uns bereits von der Stunde unserer Geburt bis zu unserem Ende. In jedem Kulturkreis und auf jeder menschlichen Entwicklungsstufe ist Musik als Kommunikationsmittel unverzichtbar. Die Fanlieder auf dem Fußballplatz, die »großen Gesänge« politischer Machthaber, die kultisch-rhythmischen Tanzgesänge einfacher Völker, aber auch die hochkomplizierte »Feldeinsamkeit« von Johannes Brahms oder ein stimmungsvolles Blaskonzert – sie alle senden Botschaften aus, die uns im Innersten berühren.

Musik ist in der Lage, »uns alle zu beeinflussen, zu beruhigen, zu beleben, zu trösten, zu erregen, Spiel und Arbeit zu organisieren und zu synchronisieren« (Oliver Sacks: »Der einarmige Pianist«). In dieser Komplexität kann Musik nur noch mit der menschlichen Sprache verglichen werden.

Während die Sprache jedoch »nebenbei« im Kontakt mit Eltern und sozialem Umfeld spielerisch erlernt wird, ist für die aktive Darstellung musikalischer Strukturen ein langwieriger Lernprozess vonnöten. Psychologisch findet dieser Lernprozess auf zwei Ebenen statt:

  1. der soziokulturellen, in der ein Lernender in der Wechselbeziehung mit seinen Mitmenschen die kulturell-geistigen Traditionen seiner Umwelt kennenlernt
  2. der biologischen, auf der angeborene Eigenschaften auf anatomisch-physiologischem und geistigem Gebiet bewusst gemacht und in den Lernprozess eingebunden werden (siehe auch Correll, Lernpsychologie)

Neurologen und Musikmediziner forschen heute unermüdlich im menschlichen Gehirn nach den Arealen, die die Musikalität steuern und uns alle befähigen, aus einer Ansammlung von Tönen und Geräuschen sinnvolle Strukturen zu erkennen, diese mit der Stimme oder einem Instrument hörbar zu machen oder sie verbal zu beschreiben.

Natürliches Instrument Stimme

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass mit der Musikerziehung nicht früh genug begonnen werden kann. Im spielerischen Umgang mit Melodien, Rhythmen und Zusammenklängen können bereits Kinder befähigt werden, ihr musikalisches Gedächtnis zu trainieren, rhythmische Strukturen aktiv und passiv zu verfolgen und ihre Stimme als natürliches Instrument zu erfahren.

Leider finden heute jedoch bereits Vorschulkinder häufig nicht mehr in ihre natürliche Kopfstimme, da sie schon zum Beispiel im Kindergarten und im häuslichen Umfeld nahezu ausschließlich durch den gepressten, schreienden Schlagergesang beeinflusst werden. Sie können nicht mehr klar und sauber singen.

Auch sollten Kinder im spielerischen Umgang mit Musik durchaus mit Fachbegriffen umgehen lernen. In unzähligen instrumentalen Aufnahmeprüfungen habe ich immer wieder erlebt, dass Kinder zum Beispiel höhere und tiefere Töne nicht erkennen konnten, weil ihnen in der musikalischen Früherziehung die bildhafte Räumlichkeit von hoch und tief nicht vermittelt wurde.

  • 01.10.2019
  • Schwerpunktthema
  • Stefan Fritzen
  • Ausgabe: 10/2019
  • Seite 37-39

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