Musik ist Nahrung: Komplexe Gehirne brauchen Töne

  • 28.06.2017
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 7-8/2017
  • Seite 36-37

Könnten wir andere Sinnesreize ausblenden, würden wir vielleicht alle so empfinden wie der sehbehinderte Schriftsteller Jacques Lusseyran (1924 bis 1971). Er schrieb in einem seiner Bücher: »Die Musik ist für einen Blinden eine Nahrung. Er braucht sie, er muss sie regelmäßig erhalten wie eine Mahlzeit.«

Fürs Gehirn ist Musik wie Glucose

Essen und Trinken sind für uns lebensnotwendig. Regelmäßige Nahrungszufuhr hält uns gesund, leistungsstark und bei Laune. Besonders die Aufnahme von Getreideprodukten, Kartoffeln, Gemüse, Obst und Milchprodukten führt wichtige Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe in unseren Körper und versorgt das Gehirn mit der notwendigen Glucose.

Genügt das aber schon, damit wir uns stark und gesund fühlen? Selbst unser Auto fährt ja nicht mit Benzin allein, sondern ruft nach Motoröl, Reifenluft, Bremsflüssigkeit, Kühlwasser, Frostschutzmittel... Auch der Mensch lebt nicht nur von Essen und Trinken. Unser Gehirn braucht Gefühle, Kommunikation, Anregung und Beruhigung, sonst verkümmert unsere Psyche.

Menschen, denen emotionale und geistige Stimulationen fehlen, sterben früher. Menschen, die von anderen isoliert sind, werden krank. Menschen, denen man den Schlaf entzieht, beginnen zu halluzinieren. Menschen, denen man Musik entzieht, ebenfalls. Fürs Gehirn ist Musik wie Glucose. »Unser Gehirn benötigt die akustischen Reize als Stimulus für den biologischen Energiehaushalt«, sagt der Musiktherapeut Christian Münzberg.

Die nährende Wirkung der Musik

Schon der Philosoph Immanuel Kant (1724 bis 1804) wusste von der nährenden Wirkung der Musik. Er nannte sie ein »Gefühl der Gesundheit« und beschrieb das Vergnügen, »welches man daran findet, dass man dem Körper auch durch die Seele beikommen kann«.

Ähnlich wie Essen und Trinken bewirkt Musik, dass wir uns besser und kräftiger fühlen. Sie heitert uns auf, lässt uns positiv denken, lenkt uns von Schmerzen und düsteren Emotionen ab, regt unseren Geist an, macht uns unternehmungslustig und wach oder bringt uns in Feierlaune. Sie kann uns helfen, Stress abzubauen. Sie tröstet, beruhigt oder lässt uns träumen.

Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer, der die Wirkung von Musik auf das menschliche Gehirn untersucht, sagt: »Musik bewirkt prinzipiell das Gleiche wie andere biologisch außerordentlich wichtige Reize wie beispielsweise Nahrung oder soziale Signale. Zusätzlich führt sie zur Aktivierung von Strukturen, die für Wachheit und Aufmerksamkeit wichtig sind, und könnte auf diese Weise weitere günstige Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit der Menschen haben.«

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Musik und Ernährung: Du bist, was du isst!":

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