Musik ist Medizin: Über ein lesenswertes Buch von Stefan Kölsch

Stefan Kölsch, Autor des Buches "Good Vibrations. Die heilende Kraft der Musik" (Foto:Eivind Senneset, UiB)

Er ist studierter Violinist, andererseits Psychologe und Soziologe. Prof. Stefan Kölsch gehört zu den renommiertesten Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Musikpsychologie und Musikneurologie. Einen spannenden und unterhaltsamen Einblick in seine Forschung bietet sein neues Buch »Good Vibrations – Die heilende Kraft der Musik« (Ullstein).

Musik als evolutionärer Vorteil

Kölschs Buch beginnt mit der Frage: »Was unterscheidet den Menschen von Tieren?« Nun könnte man viele Dinge nennen – die Wissenschaft, die Kleidung, das Fahrrad, Fußball oder das Smartphone. Aber gelten sie für alle Menschen, zu allen Zeiten, in allen Kulturen?

Kölsch sagt: Das Kriterium ist die Musik. »Musik erfordert die einfachste mentale Funktion, die den Menschen gerade eben vom Tier unterscheidet.« Diese mentale Funktion äußert sich darin, dass wir Menschen fähig sind, gemeinsam Rhythmen zu klatschen und gemeinsam Tonhöhen zu singen.

Musik liefert uns ein System dafür. Das koordinierte Handeln zu Musik hat die Menschen als Gruppe stark gemacht. Dieses koordinierte Handeln löst zudem positive Gefühle in uns aus. Musik muntert uns auf und führt uns zueinander. Musik ist möglicherweise das Überlebensgeheimnis unserer Spezies, unser entscheidender evolutionärer Vorteil.

In einem Satz gesagt: Musik bereitet Vergnügen, Vergnügen hält uns gesund, und wer gesund ist, lebt länger. Oder: Musik fördert Kooperation – und die, die kooperieren, bringen einander nicht um.

Wenn wir täglich Musik hören oder machen, tun wir täglich etwas für unser Wohlbefinden, unsere Ausdauer, unsere soziale Verträglichkeit. Wir verwenden Musik als Medizin, um gesund zu bleiben – oder um wieder gesund zu werden. »Ohne Musik«, schreibt Kölsch, »hätte es der Mensch nicht durch die Evolution geschafft.«

Die Sprache der Gruppe

Den ersten Teil seines Buches nennt der Autor »Eine Welt ohne Musik wäre eine Welt ohne Menschen«. Seiner Meinung nach war Musik »der entscheidende evolutionäre Schritt des Homo sapiens«. Musik gehöre zur Konstitution des Menschen, sei sozusagen ein eingebauter Überlebensmotor.

Denn Musik fördert positive Emotionen, stärkt damit unsere Gesundheit und beschleunigt Heilungsprozesse. »Mit Musik können wir Schmerzen lindern und in schweren Zeiten besser durchhalten«, schreibt Kölsch. »Dadurch kann Musik in schwierigen Situationen helfen, Leben zu retten.«

  • 01.10.2019
  • Praxis
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 10/2019
  • Seite 12-13

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