Musik im Freien: Vom Reigen bis zum Gottesdienst

Foto: Meister Heinrich Frauenlob (Codex Manesse)

Musik ist eine Kunstform, die Töne und Klänge zu organisierten Klangabläufen zusammensetzt. Menschen entwickelten konstruierte Schallgeschehnisse aus Naturgeräuschen und Tierlauten. Besonders die Vielfalt von Vogelstimmen regte zur Nachahmung und Klangordnung an. Rhythmische Schläge und kurze Töne dienten den frühen Menschen zur Koordination kollektiver Arbeitsgänge und kultischer Tänze.

Ursprünglich wurde Musik generell im Freien ausgeübt. Wir wissen durch die archäologische und paläontologische Forschung, dass bereits Urvölker Musik machten. Älteste Funde sind Knochenflöten, die schon tonale Stufen besaßen. 

Die Musik dieser alten Gesellschaften diente der Beschwörung, dem Kult und den transzendenten Bedürfnissen und Handlungen früher Menschengruppen. Noch heute erhält man beim Studium alter Völker, zum Beispiel im Inneren Südamerikas, eine Ahnung von den gesellschaftlichen und kulturellen Lebensformen steinzeitlicher Menschen.

Musik und Kultur als Wurzel urbaner Strukturen

Mit der Entwicklung von Stadt, Schrift und Handel erhielten Musik und Dichtung, Hymnus und Ritus auch in frühen urbanen Gesellschaften zunehmende Bedeutung. Eine der ältesten Großkulturen neben den Ägyptern bildeten die in Anatolien siedelnden Hethiter. Man nennt sie heute das »Volk der tausend Götter«. Wir kennen sie aus der Bibel und von altägyptischen Aufzeichnungen.

Dabei bildeten sie ein Großreich und besaßen neben städtischen Siedlungen sowie der eigenen Schrift auch eine große Zahl von Musikinstrumenten, die auf einen bedeutenden musikalischen Klangreichtum schließen lassen. Sie musizierten auf Leiern, Lauten und Harfen, Zimbeln, Trommeln und Rasseln, Hörnern und Holzblasinstrumenten sowie Klatschen und Lanzen, zu denen gleichzeitig gesungen wurde. 

Das Klatschen war zugleich ein psalmodierendes Rezitieren von rituellen Texten mit rhythmischem Händeklatschen, das die Textdeutung unterstrich. Musik wurde zu den vielfältigsten Anlässen gespielt, stand jedoch stets im Dienst ritueller Handlungen oder hymnischer Gesänge.

Israel als früher Hort großer Musik

Im alttestamentlichen Israel erfuhr die Musik eine große Blüte. Über den Reichtum altjüdischer Instrumente habe ich an anderer Stelle schon geschrieben. Eine schöne Geschichte ist von König David überliefert: 

Talmudisten berichten, dass die Davidsharfe, der Kinnor, um Mitternacht, wenn der Nordwind seine Saiten berührte, angefangen habe zu klingen. Wir alle kennen heute die Äolsharfe und andere Windinstrumente, die in einem Luftzug selbst ertönen. Früher hielt man dieses Phänomen für göttliche Inspiration und im Mittelalter für Hexerei, die es zu verfolgen galt. 

Klänge im Freien faszinierten Menschen schon vor Jahrtausenden und bis heute haben sie nichts von ihrer Faszination verloren.

  • 02.07.2019
  • Schwerpunktthema
  • Stefan Fritzen
  • Ausgabe: 7-8/2019
  • Seite 22-25

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