Mit reichem Erfahrungsschatz - Antigua-Tenorsaxofon »Pro-One«

»Every player has a personal sound and your instrument should make it as easy as possible to produce that sound.« Jeder Spieler hat seinen persönlichen Klang und das Instrument sollte es so einfach wie möglich machen, diesen Klang zu produzieren. Das ist der Anspruch, den die Firma Antigua an ihre Instrumente hat. Auch aus dem Grunde holte sich die vor 20 Jahren in San Antonio/Texas gegründete Firma den Saxofonisten Peter Ponzol ins Boot, damit er das neue »Pro-One«-Saxofon designt. Das vorliegende Tenorsaxofon spiegelt Ponzols Ideen wider, wie ein modernes Top-Saxofon sein sollte. Und, soviel sei vorweggenommen, die Tester bestätigen den hohen Anspruch: »Ein sehr gutes Horn!«

Peter Ponzol, so ist zu lesen, ist einer der wenigen Saxofonindividualisten, die nicht einfach nur ihr Instrument spielen, sondern die wirklich eintauchen in die gesamte Materie »Saxofon« – und mit tatkräftiger Unterstützung auch andere Saxofonisten an ihren Erkenntnissen teilhaben lassen wollen. Man könnte ja meinen, dass selbst ein noch junges Instrument wie das Saxofon irgendwann einmal »fertig« ist und dass Neuheiten auf dem Markt »nur« noch individuelle Spezifikationen sein können. Doch weit gefehlt. Ein Tüftler und Vollblutsaxofonist wie der US-Amerikaner Peter Ponzol kann auch über 170 Jahre nach Adolphe Sax das Instrument neu erfinden. Na gut, zumindest einige bemerkenswerte Innovationen einbringen. Viele kleine und auch einige große Verbesserungen hat Peter Ponzol, der bei der Entwicklung absolut freie Hand hatte, dank seiner jahrelangen Saxofonerfahrung eingebracht.

Der von Peter Ponzol gestaltete »Custom Serie«-S-Bogen erlaubt eine schnelle Ansprache, eine präzise Intonation sowie einen hochwertigen Klang. Schon der S-Bogen – der ja ein sehr wichtiger Bestandteil des Saxofons ist, weil er einen sehr starken Einfluss auf die Klangfarbe und die Intonation hat – nimmt den hohen Standard vorweg, der das gesamte Saxofon auszeichnet. Der S-Bogen wurde neu designt, sodass der Spieler seinen Kopf leicht höher halten muss – was letztendlich zu einer besseren Atmung führt. Der S-Bogen besteht aus »Vintage French Brass Alloy« und ist handgefertigt. »Der spezielle S-Bogen wirkt zudem sehr massiv«, findet der handwerkliche Tester Matthias Rüdiger. Negativ bemerkt er allerdings, dass der S-Bogen an der Verbindungshülse »etwas scharfkantig« ist. Der Korpus und der Schallbecher sind aus »Vintage French Brass Alloy« – so die amerikanische Bezeichnung – gefertigt, eine spezielle für die »Pro-One«-Saxofone entwickelte Messing-Legierung. Matthias Rüdiger gibt dem Material die Bestnote »sehr gut«. Der Hersteller hat für das Material alte französische Nachkriegs-Saxofone – die für ihren guten Klang bekannt sind – analysiert und herausgefunden, dass die Kombination aus der chemischen Zusammensetzung der Legierung, dem Aushärten und dem Verarbeitungsprozess das Material ausmacht. Herausgekommen ist eben das »Vintage French Brass Alloy«. Doch natürlich steht und fällt die Qualität des Instruments mit der Verarbeitung. Und diese ist, wie der Tester befindet: »tadellos.«

Das Oberflächenfinish erhält gute Noten. Der Goldlack ist überall gleichmäßig aufgetragen, lediglich neben der Firmen- und Modellbezeichnung findet der Tester einen kleinen Lackfehler. Eyecatcher ist das florale Muster, das – aufwendig und von Hand gestaltet – nicht nur den Schallbecher, sondern auch den S-Bogen und den Korpus ziert.Der Daumenhalter und die Daumenauflage sind beide aus Metall gefertigt, was vom handwerklichen Tester positiv angemerkt wird. Ein Extralob, und das auch vom instrumentalen Tester Norbert Emminger, bekommt die doppelte Öse für den Tragegurt. »Diese wirkt sich positiv auf die Balance aus«, meinen die Tester. Überhaupt bewerten die Tester das Handling sehr gut, was sicherlich auch ein Ziel der Entwickler war. So ist die Mechanik sehr ergonomisch angelegt. Angelegt darauf, schnelle und schwierige Passagen spielen zu können und dabei ein besseres Gefühl zu erzeugen. Allerdings: Am regelmäßigen Üben wird man auch mit dem »Pro-One« nicht vorbeikommen . . . Die Mechanik bekommt vom instrumentalen Tester ein »gut«. Der Handwerker hebt vor allem die wasserabweisenden italienischen Lederpolster – Pro-Pads von Pisoni – positiv hervor. Auch die echten Perlmutt-Fingerauflagen bekommen ein Sonderlob. Die aus Blaustahl gefertigten Federn sind sauber eingesetzt und ermöglichen durch den exakten Aufspanngrad und Aufspannwinkel eine sehr gute Repetition bei allen Tönen. So sind schnelle chromatische Skalen tadellos und gleichmäßig zu spielen. Als »sehr ansprechend« wird auch das Zubehör angesehen, denn das Saxofon wird in einem Form-Rucksack-Etui geliefert und kommt zusammen mit einem Mundstück 4C, einem Rico-Blatt, Putzutensilien sowie Tragegurt.

Im Handling loben beide Tester die »angenehme Kunststoffwippe« von h nach cis1. »Diese erleichtert das Greifen für den linken kleinen Finger ungemein.« Weitere lobenswerte Features sind der Gis-Heber, »der nicht mehr festhängen kann«, wie Matthias Rüdiger anmerkt, sowie eine Einstellverbindung von der f3- zur fis3-Klappe. Letztere »bringt mehr Sicherheit beim Decken der Polster in diesem diffizilen Bereich«.Eine weitere Besonderheit sind die drei-strebigen Klappenarme bei den tiefen Tönen c1, h und b. Der handwerkliche Tester erkennt hier die »wirkliche Innovation« auf dem Saxofon: »Beim ersten Hinsehen bemerkt man bei den Klappen für die tiefen Töne eine Dreifach-Verstrebung der Halteärmchen. Bisher waren nur Doppelverstrebungen bekannt, um die großen Deckel zu stabilisieren und vor dem Verdrehen zu schützen. Bei dem vorliegenden Instrument ist – beim näheren Hinsehen – nur das mittlere der drei Ärmchen fest mit dem Deckel verlötet, die beiden äußeren ›schweben‹ frei darüber und haben am Ende Einstellschrauben. Dem Deckel wird damit noch mehr Stabilität gegeben. Ein weiterer Effekt ist, dass ich durch Drehen an diesen Schrauben seitlich an den Klappendeckeln Druck ausüben und den Weg Richtung Tonloch belasten oder entlasten kann. Dadurch kann jeder, der im Besitz einer Prüfleuchte ist, die Deckung der großen Klappen sehr fein nachjustieren, falls erforderlich. Weil durch Rückdrehen der Schräubchen alles wieder revidierbar ist, kann das Justieren auch vom Saxofonisten vorgenommen werden. Sonst sollte das Justieren durch Erhitzen des Polsterklebers oder gar durch Biegen nur vom Instrumentenmacher durchgeführt werden.«

Das Antigua-»Pro-One« ist zudem ein Hybrid-Modell. Denn bisher gestaltete man Instrumente entweder nur mit gebördelten Tonlöchern oder mit »normalen« gezogenen Tonlöchern. Das »Pro-One« vereint beide Varianten. Gebördelt sind die Tonlöcher an Bogen und Schallstück, während die anderen Tonlöcher am geraden Korpus flach ausfallen. Dies führt dazu, dass vor allem die tiefen Töne mehr Wärme und Fülle bekommen, die Töne der mittleren und hohen Lage aber klarer und differenzierter erklingen. Auch die Ansprache (vor allem) der tiefen Töne bekommt von Norbert Emminger ein glattes »sehr gut«. Gut schneiden auch die Intonation und der Klang insgesamt ab, zumal schlechte Töne schlichtweg nicht vorkommen. Der instrumentale Tester hat das Saxofon zudem auch mit verschiedenen Mundstücken getestet (Otto Link 6*NY Metall, Aizen LS8, Bari 115) und kommt zu dem Ergebnis, dass das Saxofon in jedem Genre eingesetzt werden kann. Im Pop, Rock, Jazz und Funk dürfte es wohl die meisten Freunde finden, da »der Sound eher hell« ist. Allerdings kann man das natürlich mit dem Mundstück beeinflussen. Matthias Rüdiger ist von der »Qualität dieses Instruments sehr beeindruckt«. Schon das »normale« Antigua-»Power Bell« sei richtig gut und es sei schlüssig, dass, wenn es von einem erfahrenen Saxofonspezialisten nochmal »getunt« wird, dabei am Ende etwas sehr Gutes herauskomme. Beim Antigua-Tenorsaxofon »Pro-One« handelt es sich zweifelsfrei um ein Profi-Instrument – vom Profi für den Profi. Doch das sollte auch einen ambitionierten Amateur nicht davon abhalten, mit diesem Saxofon profimäßig zu musizieren.

Die Tester

Norbert Emminger studierte Klassik und Jazz in Nürnberg und Frankfurt. Seit 2001 hat er einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt. Er spielte unter anderem mit den Landesjugendjazzorchestern von Bayern und Hessen, der Thilo Wolf Big Band, Conexion Latina, Dusko Goykovich Big Band und Oktett, Tom Gäbel, der HR und der SWR Big Band, Nürnberger Philharmonikern und dem Sunday Night Orchestra, mit dem er 1996 den Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg und 2004 den Bayerischen Kunstförderpreis erhielt.

Matthias Rüdiger erhielt seine Ausbildung in Klarinette und Saxofon, spielte in Blasorchestern, Bigbands, Tanzmusik und Pop/Rock (unter anderem im Landesjugend-Jazzorchester Hessen). Er hat langjährige Erfahrung als Saxofonlehrer und genoss 1987 eine Ausbildung zum Holzblasinstrumentenmacher bei Julius Keilwerth. Seit 1991 hat er eine eigene Reparaturwerkstatt und seit 1997 den Musikladen »Rüdigers Sax Service« mit integrierter Fachwerkstatt in Rodgau. Parallel ist er als Saxofonist in verschiedenen Formationen unterwegs.

  • 21.09.2011
  • clarino.test
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 5/2011
  • Seite 22-24

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