Mit dem Klavier Musik ganzheitlich verstehen: Michael Euler über Zweitinstrumente in der Ausbildung

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Das Klavier ist in vielen Instrumentalstudiengängen als Nebenfach vorgeschrieben. Aber warum sollten sich Bläser überhaupt mit einem Tasteninstrument beschäftigen? Wir fragten nach bei Oberstleutnant Michael Euler, dem Leiter des Ausbildungsmusikkorps der Bundeswehr.

Herr Euler, warum ist das Klavier als Zweitinstrument bei Bläsern im Studium verpflichtend?

Wenn man Musik verstehen will, dann muss man Musik ganzheitlich verstehen. Wenn ich Orchestermusik studiere – egal ob ­Geige, Klarinette oder Trompete –, dann ist meine Ausrichtung zunächst einmal horizontal. Das heißt: Ich bewege mich auf meiner Linie oder Stimme. So kann ich an Dingen wie Agogik, Dynamik, Phrasierung und Artikulation arbeiten. Was dabei aber überhaupt nicht zum Tragen kommt ist die harmonische Entwicklung, sprich die vertikale Struktur.

In der Musik geht es ja nicht nur um einstimmige Linienführung, sondern es geht um harmonische Entwicklungen. Bestes Beispiel hierfür sind die Bach-Choräle: Bach hat die gleichen Choräle, also die gleichen Melodien, anders harmonisiert, wodurch ganz neue Stücke entstanden sind. Da sieht man sehr deutlich, welche Auswirkungen die harmonische Entwicklung in unserer Musik hat.

Das kann ich natürlich nur verstehen, wenn ich mich auch damit beschäftige. Und das funktioniert mit dem Klavier perfekt: Ich bin in der Lage, vertikale Strukturen zu spielen – sprich die Harmonie und die Akkorde – und sie damit zu verstehen und akustisch nachzuvollziehen. Der Klavierunterricht ist für Orchestermusiker vor allem dazu da, die Vertikalität der Musik zu entdecken und kennenzulernen.

Wie gut muss man das Klavierspiel im Nebenfach denn eigentlich beherrschen?

Ich spreche jetzt mal von unserer Ausbildung im Militärmusikdienst: Wenn wir jemanden bei uns ausbilden wollen, dann müssen wir zusehen, dass wir ihn in acht Monaten soweit bringen, die Eignungsprüfung an der Musikhochschule in Düsseldorf zu bestehen. Die Eignungsprüfung besteht aus drei Teilen: Vorspielen auf dem Hauptfachinstrument, Vorspielen auf dem Klavier und ein theoretischer Test in Gehörbildung und Harmonielehre.

Die Voraussetzungen, die die jungen Leute auf dem Klavier mitbringen, sind da oft ganz unterschiedlich: Der eine hat schon fünf Jahre Klavierunterricht hinter sich, der andere fängt dagegen ganz von vorne an. Ziel ist es in dem Fall natürlich nicht, dass der Anfänger innerhalb von acht Monaten eine Beethoven-Sonate spielen kann. Das Ziel ist es, denjenigen soweit zu bringen, dass er sich selbstständig mit dem Klavier beschäftigen kann, also dass er die Grundlagen des Klavierspielens beherrscht.

Das ist bei dem einen eine zweistimmige Bach-Invention, bei dem anderen ein kleines Werk von Mozart. Die Hochschule erwartet keine hochgradig pianistischen Leistungen. Der Schwerpunkt soll schließlich auf dem Hauptfach liegen. Was wir von unseren Studenten erwarten, ist die Beschäftigung mit dem Klavier und somit auch mit der Vertikalität der Musik.

  • 06.11.2019
  • Schwerpunktthema
  • Cornelia Härtl
  • Ausgabe: 11/2019
  • Seite 34-35

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