Mentaltraining für Dirigenten: entspannter Dirigent - entspanntes Orchester

Grafik: Mona Köppen

Da vorne, vor dem Orchester, da steht der große Maestro, der Primus inter pares, der Dompteur. Der Leiter des Klangkörpers sagt, wo es lang geht, er kennt den Weg. Zweifellos: Der Dirigent ist der starke Mann am Pult, hat Nerven wie Drahtseile. Schwäche zeigt er keine. Mentaltraining? Der Dirigent doch nicht! Oder etwa doch?

Keine einfache Aufgabe

Es klingt etwas platt, doch es ist natürlich wahr: Dirigenten sind auch nur Menschen. Mentalcoach Mona Köppen entgegnet auf die Frage, ob Mentaltraining für Dirigenten notwendig sei, wie aus der Pistole geschossen: »Ich sage ganz klar: Ja, unbedingt!« 

Dirigent zu sein ist nicht immer eine einfache Aufgabe. Denn der Dirigent ist ja nicht nur für sich selbst, sondern eben auch für die Musiker im Orchester verantwortlich. Und für jeden Dirigenten ist es eine Herausforderung, aufgeregte oder nervöse Musiker zu guten Leistungen auf der Bühne zu führen. 

Es wird viel verlangt. Der Dirigent hat seinen eigenen Anspruch, das Orchester hat eine große Erwartungshaltung, genauso wie der Vereinsvorstand und das Publikum. 

Mona Köppen zieht das Statistische Bundesamt heran: »Wenn man bedenkt, dass alleine in Deutschland – nur im Laienbereich – über drei Millionen Menschen Musik machen! Dazu kommen zusätzlich etwa 70000 Berufsmusiker, es gibt 130 öffentliche Orchester, fast 24 000 organisierte Chöre und Ensembles und über 20 000 Instrumentalgruppen.

Diese Musiker bringen Woche für Woche ihr ganz eigenes, persönliches Stresspaket mit in die Probe, und letztendlich ist es der Dirigent, der vorne steht und all dies möglicherweise belastende Potenzial abfangen muss.«

Existenzdruck und Existenzängste 

Dirigenten, die vom Dirigieren leben müssen, stehen zusätzlich unter Existenzdruck und leiden nicht selten unter Existenzängsten. »Die Gruppe der Dirigenten wurde bezüglich des mentalen Themas sehr vernachlässigt... Deshalb lag es mir besonders am Herzen, viele sofort umsetzbare Übungen zu gestalten, die möglichst leicht und dennoch effektiv sind.«

Für Mona Köppen kam das Thema im Jahr 2018 ins Bewusstsein, als sie hierzu beim Internationalen Blasmusikkongress in Neu­Ulm einen Workshop gab. Dass sich »aus dem Stand« über 50 Dirigenten anmeldeten, zeigte, wie groβ das Potenzial dieses Themas und wie wichtig es den Dir genten ist. 

Neben Möglichkeiten, sich selbst zu entspannen und das Orchester mental einzufangen, geht es auch um Körpersprache, Mimik und die nonverbale Kommunikation. »Das wird oftmals sehr unterschätzt und fehlinterpretiert. Und wieder ist noch kein einziger Ton ge­ spielt...«

  • 24.06.2019
  • Praxis
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 6/2019
  • Seite 10-11

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