Melton Tuba Quartett

  • 06.07.2017
  • Szene
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 7-8/2017
  • Seite 40-43

Mit 30 Jahren ist man am Zenit. Danach geht’s bergab. Mit 30 ist das Gehirn ausgeformt, ab 30 wird das Gesicht schlaffer, weil der Körper aufhört, Collagen zu produzieren. Und ab 30 Jahren sinkt die Lungenleistung. Glauben Sie nicht? Ist auch schwer vorstellbar. Denn das Melton Tuba Quartett ist 30 – und kein bisschen außer Puste.

Jubiläumsfest in Hammelburg

Das Jubiläum wird groß gefeiert. Genauer gesagt feiert das Deutsche Tubaforum, das ebenfalls 1987 ins Leben gerufen wurde. An der Bayerischen Musikakademie in Hammelburg steigt ein geradezu tiefblechrauschendes Fest. Zur »Geburtstagsfeier« kommen sie alle: Øystein Baadsvik, Andreas Hofmeir, Roland Szentpali, Ueli Kipfer, Philippe Wendling, Stefan Heimann, Marty Erickson, Hans-Reiner Schmidt – und natürlich das Melton Tuba Quartett.

Die Stimmung ist ausgelassen – bei den knapp 100 Fortbildungsteilnehmern, bei den hochkarätigen Dozenten, bei den umtriebigen Organisatoren um Wolfram Krumme. Ein besonderes Highlight: Das Jubiläumskonzert »Featuring the Meltons« wird beeindruckend zum virtuosen, musikalischen, spontanen und humoristischen Spektakel. Im »Zehn-Augen-Gespräch« lässt man dann 30 Jahre Melton Tuba Quartett Revue passieren – und blickt natürlich auch nach vorne.

Vier »einsame Wölfe« finden sich

Die vier Mitglieder des MTQ heißen Hartmut Müller, Ulli Haas, Heiko Triebener und Jörg Wachsmuth. In 30 Jahren gab es erst zwei Neubesetzungen. Die erste schwere Prüfung war der tragische und viel zu frühe Tod des Gründungsmitglieds Henrik Tietz im Jahre 1993. Dessen Witwe bestärkte die verbliebenen drei dazu, die Ensemblearbeit fortzusetzen.

Nachfolger wurde Markus Hötzel, der nach etwa zehn Jahren das Melton Tuba Quartett in aller Freundschaft verließ – nicht ohne eine Empfehlung für seine Nachfolge auszusprechen: Jörg Wachsmuth.

In Hammelburg sitzen diese vier Musiker um den Tisch, die Nähe zur Kaffeemaschine ist gewährleistet, und warten gespannt auf die erste Frage. Und wenn man sie da so sitzen sieht, kann man sich tatsächlich vorstellen, wie das damals war, an diesem 3. Januar 1987.

In Bonn nämlich – das Thermometer zeigte Minusgrade, vereinzelte Schneeregenschauer machten die damalige Bundeshauptstadt ungemütlich – saßen vier leidenschaftliche Tubisten in den Katakomben der Beethovenhalle, wo sie gerade zuvor ein Probespiel für das Orchester absolviert hatten. »Wir hatten viel Zeit zu warten«, erklärt Hartmut Müller, »weil die Findungskommission sehr lange brauchte.«

Und in dieser Wartezeit, bevor die vier wussten, wer die »Trophäe« bekommt – und ob sie überhaupt jemand bekommen würde –, machten sie aus der Not eine Tugend. »Der Orchestertubist ist normalerweise ein einsamer Wolf«, schildert Heiko Triebener. Doch diese Rolle durchbrachen die vier und sahen sich fortan nicht mehr als Konkurrenten, sondern wollten miteinander musizieren.

Von der letzten in die erste Reihe

Das Quartett wurde weniger aus Langeweile gegründet als aus der Lust, etwas anderes zu machen als nur im Orchestergraben zu sitzen. »Wir wollten einfach auch mal von der letzten Reihe in die erste Reihe treten«, erklärt Ulli Haas. Denn Tubisten haben in Sinfonieorchestern – anders als im Blasorchester oder der Brassband – bisweilen elend lange Wartezeiten und sind zwischendurch plötzlich punktuell enorm gefordert.

»Das ist manchmal unbefriedigend«, gibt Heiko Triebener zu. Deshalb sei es eine besonders spannende Herausforderung, kammermusikalisch durchgehend Musik machen zu dürfen. Bei manchen Komponisten komme man schon mal ins Grübeln, was sie dabei gedacht hätten, den Tubisten erst 45 Minuten lang warten zu lassen, um ihm dann eine Zeile zu spielen zu geben.

Jörg Wachsmuth erzählt die Anekdote von Antonín Dvořák, dessen Frau angeblich mit dem Tubisten der New Yorker Philharmoniker eine Affäre hatte. In Dvořáks 9. Sinfonie (»Aus der Neuen Welt«) spielt der Tubist sieben Töne am Anfang des zweiten Satzes und sieben am Schluss. Hat der Komponist das getan, um den Tubisten zu ärgern? Oder wollte Dvořák sicherstellen, dass der Tubist dann in der Probe sitzen musste und nicht den Liebhaber geben konnte? Jörg Wachsmuth lacht: »Es kann eigentlich keine andere Erklärung geben.«

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