Mal konkret: »Orient et Occident« Op. 25 von Camille Saint-Saëns

Camille Saint-Saëns dürfte einer der ersten großen Komponisten der klassischen Musik gewesen sein. Es gab zwar zuvor schon verschiedene bekannte Werke für (von Holzbläsern dominierte) Bläserkammermusik, zum Beispiel von Haydn und Mozart. Aus den anfangs eher überschaubaren Besetzungen erwuchsen aber schon bald größere Bläserformationen. Für diese »Harmoniemusiken« waren bestimmte Strömungen der Französischen Revolution sicher von Bedeutung, die der Musik der Militärorchester des 18. Jahrhunderts tiefgreifende Impulse beschert hatten. Für »Harmonie Militaire« komponierte Camille Saint-Saëns »Orient et Occident« und schuf damit einen Klassiker, der nun in neuem Gewand erschienen ist.

Der Komponist

Der französische Komponist Camille Saint-Saëns wurde am 9. Oktober 1835 in Paris geboren. Sein Talent wurde früh gefördert. So ist überliefert, dass er bereits mit zweieinhalb Jahren Klavierunterricht erhielt, mit drei Jahren lesen konnte, im Alter von sechs Jahren erste Kompositionen schrieb und 1846, mit elf Jahren, schließlich sein erstes großes öffentliches Konzert in der Salle Pleyel in Paris gab. 

Mit 16 war er bereits Student an der Universität. Er wurde musikalisch an der Orgel, am Klavier und im Fach Komposition ausgebildet. Nach etlichen Engagements als Organist arbeitete er ab 1877 ausschließlich als freier Komponist und gründete zusammen mit Komponisten wie Gabriel Fauré und César Franck die »Société Nationale de Musique«. 

Er zählt neben Hector Berlioz, Claude Debussy und Maurice Ravel zu den bedeutendsten französischen Komponisten. Der »Karneval der Tiere«, die Oper »Samson und Dalila«, der »Danse Macabre« und die »Orgelsinfonie« zählen zu seinen berühmtesten Werken. 

»Orient et Occident« war das erste von wohl drei Stücken, die er original für Blasorchester schrieb. Camille Saint-Saëns verstarb am 16. Dezember 1921 im hohen Alter von 86 Jahren hochverehrt in Algier.

Die Idee

Die Komposition »Orient et Occident« entstand im Oktober 1869 für eine Galaveranstaltung der »Union centrale des beaux-arts appliqués à l’industrie«. Das Werk ist Théodore Biais gewidmet, einem engen Freund des Komponisten und gleichzeitig Hersteller von Kirchenornamenten. 

Parallel zum Blasorchesteroriginal fertigte Saint-Saëns im gleichen Jahr eine Fassung für zwei Klaviere an. Die Version für Sinfonieorchester stammt erst aus dem Jahr 1909. In einem Brief an seinen Verleger Durand preist Saint-Saëns sein Werk mit folgenden Worten an: »Ich habe dir die mit größter Sorgfalt gemachte neue Version von ›Orient et Occident‹ geschickt. Ich hoffe, das Stück erzielt auch eine gute Wirkung. Das Werk ist geeignet für Konzertprogramme mit ernstem Anspruch, aber auch für solche, welche diesen Anspruch nicht haben.«

Im Jahr 1869 hatte Saint-Saëns den »Orient« – und darunter verstand man damals zum Beispiel auch aus heutiger Sicht relativ nahe Länder wie Ägypten oder Algerien – noch nicht besucht. Die Assimilation exotischer Stile im Sinne eines Miterleben-Wollens, eines Einwebens und eines Hinzuziehens war aber immer ein prägender und bewegender Punkt von Saint-Saëns’ Schaffen.

Eine weitere große Motivation war sicher auch ganz allgemein die Neugier dieser Zeit auf fremde Welten, die damals noch nicht so einfach erreichbar waren wie heute. Andeutungen und Anmutungen anderer Klangvorstellungen zu berücksichtigen, faszinierte die Künstler dieser Zeit. 

Die damalige Herangehensweise war sicher weniger analytisch als es nach dem heutigen Stand der Musikwissenschaft möglich ist. Es war eher »ein Hauch von«, der über und in der Musik wehte. Nicht zuletzt hatten auch die Janitscharen-Kapellen ihren Anteil an der Neugier. Sie hatten ihre »östliche« Art zu musizieren an die Grenzen Europas herangebracht.

  • 11.06.2019
  • Praxis
  • Renold Quade
  • Ausgabe: 3/2019
  • Seite 14-15

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