Mal konkret: »Four Character Studies from Master Humphrey’s Clock«

Nein, »Master Humphrey’s Clock« war zunächst kein Musikstück, sondern eine wöchentliche Zeitschrift. Kein Geringerer als der berühmte britische Schriftsteller Charles Dickens hatte die Idee dazu. Er war auch der Autor und der Herausgeber dieser Postille, die von April 1840 bis Dezember 1841 in England erschien. Die Rahmenidee beruhte auf besagtem Meister Humphrey, einem fiktiven einsamen alten Mann, der in London lebte, gerne Geschichten ersann und erzählte und seine Manuskripte in einer alten Standuhr in der Kaminecke aufhob.

Eines Tages beschloss er, einen Club zu gründen, um sich mit Gleichgesinnten zu treffen, die selber Geschichten erzählen und natürlich auch gerne hören wollten. Mitglieder waren dann alsbald so illustre Persönlichkeiten wie der taube Gentleman Jack Redburn, der pensionierte Kaufmann Owen Miles oder auch Mr. Pickwick von den Pickwick Papers. Die vielschichtigen Kurzgeschichten und die beiden Romane aus diesen Publikationen wurden später auch in Buchform veröffentlicht.

Die Idee zum Stück

Das Kent Youth Wind Orchestra, ein in der Grafschaft und überregional sehr angesehenes Orchesterprojekt, gab den Auftrag, ein Musikstück zu schriftstellerischen Themen dieser Zeit zu komponieren. Grundsätzlich fußend auf den literarischen Ideen von Charles Dickens, nahm sich Malcom Binney gerne dessen legendärer Figuren an.

Nach umfangreichen Vorläufen veröffentlichte er schließlich ein viersätziges Werk für großes Blasorchester, betitelt mit dem im übertragenen Sinne zu verstehenden Namen »Four Charakter Studies from Master Humphrey’s Clock«. »Fagin«, »Nancy« und »Sairey« sind die Protagonisten der ersten drei Sätze. Im vierten Satz, »Bozmania«, lässt er alle Charaktere noch einmal aufeinandertreffen.

Der Komponist Malcom Binney

Der Brite Malcom Binney wurde im Oktober 1944 in London geboren. Die Guildhall School of Music war das Zentrum seiner musikalischen Ausbildung. Er begann seine Karriere als freier Violinist mit Engagements in vielen Londoner Orchestern, strebte aber auch ans Dirigentenpult (Studien bei Rafael Kubelik, Garry Bertini und Sir Georg Solti) und beschäftigte sich mit dem Musikverlagswesen, unter anderem bei Belwin Mills und Maecenas. Gastdirigate führten ihn durch ganz Britannien, zur BBC, aber auch nach Kanada, Nordamerika, Holland, Italien oder Deutschland.

Pädagogische Stationen sind seine beliebten Arbeitswochen für Jugendorchester in Großbritannien, die enge Zusammenarbeit mit dem Kensington Symphony Orchestra, sein Engagement als Professor für Dirigieren an der Royal Marines School of Music oder auch die Leitung der International Summer School of Music in Canford.

Der Aufbau

Das Werk beginnt mit einer Einleitung über 21 Takte, die – wenn man so will –in das »Milieu« einführt. Mit Sechzehntelketten in Trompeten und Kornetten, gespickt mit kleinen Dissonanzen, geht’s zunächst schwungvoll los.

Kurz ausgebremst von Achteln in Bässen und Posaunen mündet die Bewegung in eine stolpernde Betonungsfolge in Takt 6. Gleichsam frech wie warnend startet das Werk offensiv in eine noch zu definierende Welt. Ab A übernehmen die Hölzer die Gedanken wiederholend, bevor sich dann, im vollen Tutti B, die durchaus gespannte Stimmung auflöst. Offen voranschreitend verbreitet sich ein Duft von Abenteuer und Freiheit.

  • 18.09.2018
  • Praxis
  • Renold Quade
  • Ausgabe: 9/2018
  • Seite 14-16

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