Kunst oder Handwerk? - Konzepte zur Musikvermittlung und Konzertpädagogik (5)

Auf einem geräuschvollen Flug nach Detroit, eingezwängt in die Economy-Sitze eines Jumbo-Jets, ließ Dr. Lecter seinen Kopf zurücksinken, schloss die Augen und zog sich zur Entspannung in die Stille seines Gedächtnispalasts zurück. Im fünften Teil der Serie »Konzertmoderation« geht es um das Einprägen der Moderation – Memoria.

In dieser Szene machte der US-amerikanische Schriftsteller Thomas Harris im dritten Teil seiner Hannibal-Lecter-Tetralogie durch seine Erwähnung des Gedächtnispalasts Millionen Leser mit der jahrtausendealten Assoziationstechnik der Loci-Methode (lat. locus – Ort, Platz) bekannt. Diese wurde bereits ein halbes Jahrhundert vor Christi Geburt vom berühmtesten Redner Roms, Marcus Tullius Cicero, in seinem Meisterwerk »De oratore« (lat. Über den Redner) beschrieben. Cicero erläuterte, dass Simonides von Keos auf die Idee für diese Methode kam, als er bei einer Feier kurz das Haus verließ und dieses während seiner Abwesenheit einstürzte. Simonides konnte alle Gäste namentlich identifizieren, indem er sich die Szenerie vor dem Einsturz visualisierte, um sich den jeweiligen Aufenthalt der Personen zu vergegenwärtigen. Dadurch erkannte er, dass es uns leicht fällt, in eine räumliche Verknüpfung eingefügte Informationen geordnet wiederzugeben.

Akronyme, Bilder und Karteikarten

Nach »Intellectio« (Orientierung), »Inventio« (Inhaltsauswahl) und »Dispositio« (Inhaltsgliederung) sowie »Elocutio« (Wortwahl und sprachlicher Ausdruck) prägen wir uns nun die wesentlichen Stichworte des erstellten Texts ein (Memoria). Dadurch müssen wir nichts ablesen und können immer Augenkontakt mit dem Publikum halten, die emotionale Stimmung im Saal spüren und die ­Moderation situativ gestalten. Stichworte können manchmal in Abkürzungen zusammengefasst werden, indem man Begriffe auf ihre Anfangsbuchstaben reduziert (Akronyme). Nehmen Sie etwa die Anfangsbuchstaben der Musikstücke, die Gustav Holst (siehe Mind-Map in CLARINO 1/2012) für Bläserbesetzungen komponiert hat. So kann das Akronym »Mofha« entstehen: A Moorside Suite, First Suite in Es und Hammersmith.

Sie können die einzelnen Begriffe auch als Bilder aufmalen oder sich gedanklich vorstellen. Dabei gilt, je »merk-würdiger«, desto besser. Hinter dem Bild eines »Jeti in Rom« tauchen dann:

  • die Uraufführung des »Jedermann«
  • der Stapellauf der Titanic
  • die Uraufführung von »Der Rosenkavalier« und
  • der Raub der Mona Lisa

auf. Alles Geschehnisse, die im gleichen Jahr stattfanden, als Holst seine »Second Suite in F« schrieb.

 

  • 14.02.2012
  • Praxis
  • Jürgen K. Groh
  • Ausgabe: 3/2012
  • Seite 18-19

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