Kleider machen Leute?! Isabelle Ruf-Weber über den Dresscode bei Dirigenten

  • 28.09.2017
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 10/2017
  • Seite 28-30

Vielleicht ist dem ein oder anderen diese Frage auch schon mal untergekommen: »Darf ein Dirigent anziehen, was er will?« Es gibt schließlich auch Verhaltenskodizes, die man nur schwer durchschaut. Wir haben uns mit einer Dirigentin unterhalten, die zweifellos immer perfekt gekleidet ist. Nun, Frauen haben es da ja auch leichter... Oder, Frau Ruf-Weber?

Frau Ruf-Weber, gibt es für Dirigenten einen Dresscode für bestimmte Anlässe?

Für Frauen gibt es meines Wissens keinerlei Vorschriften. Für die Männer ist der Frack immer noch das große Thema. So soll man ja einen Frack niemals vormittags tragen. Auch am Nachmittag ist das noch kritisch. Stilecht ist ein Frack erst am Abend, vorrangig bei Konzerten ab 18 Uhr.

Das hat der Kölner Geiger und Instrumentalwissenschaftler Benjamín Ramírez einmal in einem Aufsatz zusammengetragen. Wenn mein Assistent dirigiert – und wir haben auch Nachmittagsvorstellungen um 14 Uhr – kommt dieses Thema immer wieder auf: Frack oder nicht Frack?

Zumeist handelt es sich ja um ungeschriebene Regeln. Der Dirigent muss sich vermutlich seine eigenen Gedanken machen, dass er nicht in Jeans und T-Shirt zum Galakonzert kommt, oder?

Genau. Es ist auch ein Unterschied, ob es sich um ein Open-Air-Konzert handelt oder gar um Marschmusik. In der Schweiz treten viele Orchester zur Marschmusik in ihren Uniformen an, die auch der Dirigent trägt. Im Konzert wird dann meist in einem anderen Anzug musiziert.

Ich habe mir als Frau immer herausgenommen, dass ich nie eine Uniform tragen muss. Aber natürlich trage ich keine Turnschuhe, keine Freizeitkleidung. Das kommt für mich überhaupt nicht infrage. Jeden öffentlichen Anlass bestreite ich in einem schwarzen Anzug.

Es gibt den Ausspruch »Kleider machen Leute!« Stimmt das? Und ist der Umkehrschluss ebenfalls wahr: Die »falsche« Garderobe lenkt vom Wesentlichen ab?

Auf jeden Fall. Im vergangenen Jahr stand das Lucerne Festival unter dem Motto »Frauen am Dirigentenpult«. Da wurde in einem Workshop auch über die Kleidung gesprochen. Bei einem Konzert konnte man dann eine junge Dirigentin beobachten, die eine tolle Figur hatte und super aussah. Aber sie trug ein ärmelloses Kleid, zudem hinten und vorne ausgeschnitten.

Ich habe selbst an mir gemerkt, dass ich immer dorthin schaute. Es sah toll aus, ich war fasziniert. Auch und gerade deshalb aber ist es ein No-Go. Es lenkt schlichtweg ab. Auch kurze Röcke kommen nicht infrage.

Für mich persönlich ist es deshalb immer klar: Ich trage einen Anzug. Natürlich muss der auch schön anzusehen sein. Er darf nicht knittern und nicht spannen, er darf gerne die Figur betonen. Männer haben es da ein bisschen einfacher. Die tragen einen passenden Anzug, fertig.

Also würden Sie auch nicht unbedingt sagen, dass es Frauen in der Kleidungswahl leichter haben als Männer?

Frauen haben vor allem noch viel mehr Möglichkeiten. Trage ich einen Rock? Einen Hosenanzug? Nehme ich ein Abendkleid? Mit oder ohne Ärmel…? Diese große Auswahl haben Männer gar nicht.

Aber so schwer muss man es sich ja auch nicht machen. Es geht ja nicht darum, beim Konzert optisch zu glänzen. Das ist eine zentrale Einstellung eines Orchesterleiters. Fühlt er sich als Macho-Maestro oder ist er wirklich integriert im Orchester und ein Teil davon?

Eine größere Auswahl haben Frauen. Haben sie auch schlichtweg mehr Geschmack?

Ich kenne auch viele Männer, die einen tollen Geschmack haben. Wenn ich einkaufen gehe, nehme ich oft meinen Bruder mit. Ich glaube, das ist ein Klischee. Das hängt auch vom Typ und vom Interesse ab.

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