Klaus Wogram über das perfekte Instrument

Seit den 1960er Jahren beschäftigt sich Klaus Wogram mit der Akustik. Über Kraftfahrzeugschalldämpfer kam er zu den Blasinstrumenten. Er war lange Leiter des Labors für Musikalische Akustik und als solcher maßgeblich an der Einführung des Deutschen Musikinstrumentenpreises beteiligt. Wogram selbst ist Posaunist.

Herr Wogram, als ausgewiesener Fachmann für den Bereich Akustik, insbesondere Musikinstrumentenakustik, und nach jahrelangen Forschungen auf diesem Gebiet können Sie doch diese Frage sicherlich beantworten: Gibt es das perfekte Instrument?

(lacht) Ja und Nein. Wenn man darunter das Instrument versteht, das für jeden Menschen die gleiche perfekte Wirkung oder Möglichkeit beinhaltet, würde ich sagen: Nein, das gibt es nicht. Bei den Blasinstrumenten ist der Einfluss des Bläsers so groß, dass das perfekte Instrument immer nur ein Instrument sein kann, das zu den speziellen Eigenschaften des Musikers und dessen Vorstellungen passt.

Für mich gibt es ein perfektes Instrument. Wie jeder Musiker eine bestimmte Vorstellung hat, gibt es für ihn auch ein perfektes Instrument – wenn er danach sucht. Davon bin ich überzeugt. Ein allgemeingültiges Instrument, das für jeden Menschen gleich geeignet und damit perfekt ist, gibt es nicht.

Warum ist der Einfluss des Musikers denn so groß?

Der Mensch ist ein sehr komplexes Wesen, der mit seinen Aktivitäten sehr viele persönliche Dinge verbindet. Dazu gehört beim Musiker zum Beispiel die Klangfarbe. Jeder Mensch lebt in einem Land, in dem eine bestimmte Sprache gesprochen wird. Diese Sprache hat vom Tonfall her durchaus eine unterschiedliche Eigenschaft gegenüber der Sprache eines anderen Landes. Denken Sie an die osteuropäischen Staaten mit ihren vielen Exklusivlauten oder das großvolumige Sprechen der Amerikaner.

Von dieser Sprache her kommt in den Kulturraum eine Vorstellung hinein, die sich auch auf das Musikalische überträgt. Diese Vorstellung hat jeder Mensch in seinem Kopf, und er versucht nun, sie in den Klang des Instruments hinein zu projizieren. Ob nun eine nasale, schärfere Klangfarbe oder ein voller, obertonarmer Klang entsteht, das macht der Musiker mit seinem Ansatz und seiner Blastechnik.

Der Musiker hat eine bestimmte Vorstellung, wie das Instrument klingen sollte, und diese Vorstellung versucht er zu realisieren. Und wenn das mit einem Instrument gut geht, wird er es loben. Wenn er seine Schwierigkeiten hat, wird er es nicht so gut finden. Perfekt kann ein Instrument also dann sein, wenn ich als Musiker mit ihm erreiche, was ich möchte bzw. was von mir erwartet wird.

Also muss ein Instrument, das ich als perfekt betrachte, in Ihren Augen noch lange nicht als perfekt gelten.

Genau so ist es. Und darin liegt einerseits das große Problem der Hersteller – denn wonach soll er sich richten? Aber es ist andererseits auch ein positives Omen für die Vielfältigkeit, die wir in der Musik haben. Und wenn ich im Radio beispielsweise Sergej Nakariakov höre, kann ich sofort hören, dass er es ist.

Das zeigt schon, dass das Entscheidende bei der Bläsermusik das Individuelle ist. Der Musiker macht den Unterschied aus – nicht das Instrument. Das Instrument hat natürlich einen großen Einfluss, aber im Grunde erleichtert es dem Musiker nur das, was er erreichen möchte.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Die Hardware: Sind die Instrumente ausentwickelt?":

  • 28.03.2017
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 4/2017
  • Seite 24-27

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