Klarinettist Martin Fröst: Mehr als ein junger Wilder

Martin Fröst. Foto: Mats Becker

»Sie haben die Klarinette nicht wirklich gehört, bevor Sie Martin Fröst nicht gehört haben«, schrieb einmal die Londoner »Times« über den heute 48-jährigen Schweden. Und tatsächlich pfeift Fröst auf Konventionen, er scheint die Klarinette neu erfunden zu haben. Anfang des Jahres stellte er das als »Portraitkünstler« bei den Bamberger Symphonikern unter Beweis.

Auch nach unserem Gespräch bleibt Martin Fröst ein faszinierendes Phänomen. Der Mann hat ein einnehmendes Wesen und ist doch schwer zu greifen. Die schwere Tür der Künstlergarderobe im Bauch der Konzerthalle Bamberg geht nach dem Klopfen zunächst zögerlich auf.

Es folgt ein fragender Blick, ein schmales Lächeln und ein Händedruck, der dann gar nichts Schüchternes mehr hat. Martin Fröst – Achtung: schlechter Namenswitz! – wirkt nur auf den allerersten Eindruck wie ein kühler, frostiger Schwede. Sein Blick ist durchdringend, neugierig und wach.

Beeindruckende Präsenz

Auch damit legt er eine beeindruckende Präsenz an den Tag. Man bekommt den Eindruck: Allein mit seinem Blick kann der Künstler Diskussionen beenden. Bestimmt. Doch darum geht es hier ja gar nicht. Er will erzählen und ist sofort auf Betriebstemperatur.

Er eröffnet mit einem langen Monolog, warum er zwar Deutsch kann – er hat unter anderem in Hannover studiert und moderiert seine Programme bisweilen auf Deutsch –, dass er im Interview aber lieber Englisch sprechen möchte, weil er da dann doch die besseren Worte findet, seine Gedanken darzulegen.

Martin Fröst ist zweifellos ein Denker. Bevor der Schwede antwortet, überlegt er lange. Sehr lange. Ob er ein Stück weit tatsächlich das Klarinettenspiel neu erfunden hat? Er beantwortet die Frage schließlich mit einem selbstbewussten »Ja!« Natürlich sei er nicht der Einzige, der sich mit seinem Instrument und dessen Klang beschäftige, aber er betreibe es schon sehr intensiv, die ausgetretenen Pfade der Konvention zu verlassen.

Es gibt keine Grenzen

Grifftechniken, Atemtechnik, verrückte Töne produzieren – für den Klarinettisten gibt es da keine Grenzen. Ausprobieren darf man ja sowieso alles. Er erzählt, wie er dem Komponisten John Adams zum 70. Geburtstag ein kleines Ständchen spielte. Das kurze Video ist auf der Twitter-Seite des US-amerikanischen Komponisten zu finden (@HellTweet).

Fröst spielt die Klarinette, singt aber auf irgendeine Weise dazu zweistimmig »Happy Birthday«. Das klingt merkwürdig, unerklärbar, komisch, unwirklich. Spielen und singen da zwei Personen? Ein Fall multipler Persönlichkeitsstörung? Martin Fröst lacht. Er probiert einfach gerne aus – eben auch diese Klangexperimente.

Alles sei einzigartig. Und er insistiert: »Die Weiterentwicklung ist mir unheimlich wichtig!« Martin Fröst macht das jetzt »seit über 30 Jahren«. Geboren wurde er 1970 im schwedischen Sundsvall. Mit sechs Jahren begann er zunächst, Geige zu spielen, fand zu dieser Zeit allerdings Fuß- und Basketball weitaus interessanter. Mit neun wechselte er schließlich zur Klarinette, die dann sein Instrument wurde – für dessen intensivere Bespielung er sogar mit 15 Jahren zum Studium nach Stockholm zog.

  • 21.06.2019
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 5/2019
  • Seite 30-32

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